Schweden

Vom Mythos des pädagogischen Sehnsuchtslandes Schweden

Unzählige Male seit Kreisky musste Schweden hierzulande schon als positives Beispiel in der Schuldebatte herhalten. Im oft betitelten Bildungsparadies nachgefragt


Matura für alle

Es ist Schulschluss in Schweden. Das merkt man schnell. Durch Stockholm rollen den ganzen Nachmittag Anhänger mit beschwipsten Maturanten. Sie grölen von der Ladefläche runter und werfen diese typisch weiß-blauen Schirmmützen, die an Kreuzfahrtkapitäne erinnern, in die Luft. Ihre auf A2 vergrößerten Kinderfotos kleben auf den Schildern, die sie vor sich hertragen. Sektflaschen, Blumen und ein Kuschelherzchen mit dem Spruch: Jag har tagit studenten (Ich habe die Matura) “Studenten”, das haben in Schweden fast alle. Das schließt die dreijährigen Gymnasien ab, die an die neunjährige Gesamtschule anschließen. Sie kann entweder theoretisch und studienvorbereitend ausbilden oder praktischer, zum Mechaniker, beispielsweise. Mit dem, was man in Österreich unter Matura versteht, hat „studenten“ allerdings wenig gemein.

 

  • (c) Juliane Fischer

Gesamtschule mit Verantwortungsbewusstsein

Davor gehen durch das Gesamtschulsystem alle bis zur neunten Klasse zusammen in die Schule. “Man ist sich dadurch näher ist in der Gesellschaft. Die Klassenunterschiede sind nicht so deutlich.“, schätzt Mareike Jendis, Muttersprachenlehrerin für Deutsch, die Situation als Vorteil ein.  Doch das funktioniere nur unter einer Bedingung: „Die Speziallehrer sind dabei notwendig. Sie sollen alle mitnehmen und auch die Schwachen auffangen.“ Die Verantwortung darüber, ob die Schüler den Stoff beherrschen oder nicht, liegt  klar bei der Lehrperson. Nachhilfe sei immer noch sehr ungewöhnlich.  

 

 

Wo hinkt das System?

Seit Pisa Nummer 1 ist ein ungebrochener Abwärtstrend zu beobachten. Mit jeder neuen Studie schneidet das Land schlechter ab. Mittlerweile liegt Schweden unter dem OECD-Durchschnitt und hat sogar die schlechteste Entwicklung aller OECD-Länder zu verzeichnen. Die Europäische Kommission empfiehlt den Schweden deshalb im Bildungssystem "radikale Strukturänderungen". Seit zwei Legislaturperioden ist das Ausbildungssystem aber ohnehin ein heißes Thema. Es war vor allem die liberale Volkspartei, die das aufbrachte. Der Parteichef Jan Björklund ist auch Bildungsminister. Mit dem Stichwort „Flumskolar“, das auf die flummige, antiautoritäre Art hinweisen soll, wollte er mehr Ordnung und Strenge in die Schule bringen. Das bisher so lockere Lehrpersonal muss mehr verlangen. „Die neoliberale Denkart ist resultatfixiert, sie fordert messbare Ergebnisse, die durch Frontalunterricht und frühere Notengebung erreicht werden soll. Lehrer sollen auf die nationale Prüfung hinarbeiten“, die Lehrerin Mareike Jedis, sieht diese Entwicklung, wie auch die Mehrheit der Pädagogen eher kritisch. “In der Schulpraxis ist vieles nicht messbar.” Bildungswissenschaftler und Lehrkörper meinen, dass es nicht die Aufgabe des Unterrichtsministers sei, Unterrichtsmethoden zu ändern. 

In den Medien wittert man darin eine Ablenkung von den wesentlichen Reformen. Jan Björklund will Schulen auch wieder mehr verstaatlichen. „Ja, klassisch liberal klingt das nicht“, meint auch Peter Sedlacek, ehemaliger Rektor der Humanwissenschaften auf der Universität Umeå und liberaler Schulrat in der Gemeinde. „Aber es geht darum, die Schulpolitik wieder mehr zu zentrieren." Die Situation sei auseinandergedriftet. Man müsse einer totalen Freiheit entgegenwirken, um ein gutes Ziel zu erreichen. Im Gremium für Västerbotten versucht er das Ausbildungssystem einer Region zu homogenisieren. Mittlerweile hat man zumindest eine jährliche Konferenz mit Beratungspflicht bewirkt. Die kleinen Gemeinden sollten sich absprechen, was die Wahl der Spezialisierungen in einer Schule betrifft.

Alle Entscheidungen liegen bei der Gemeinde. Wie viel Geld pro Schüler ausgegeben wird, hängt von der Gemeinde ab und dementsprechend siedeln sich dort auch Schulen an. Reiche Gemeinden können mehr in Schulen investieren, ärmere weniger. Die Gleichheit im Ausbildungssystem ist nun in Gefahr. Konzerne bauen ihre Friskolar (übersetzt: Freischulen) dort, wo die Gemeinde am meisten Geld pro Schüler bietet. „Das schwedische Ausbildungssystem gibt den Jungen nicht die Kompetenz, die sie am Arbeitsmarkt brauchen.“, heißt es im Kommissionsbericht der EU. Als Außenstehender könnte man meinen, dass vielleicht die Schulen, die zu großen Konzernen gehören, eher für den Arbeitsmarkt ausbilden. „Das ist nicht der Fall“, meinte Mareike Jendis „denen geht es um den Profit. Sie sind daran interessiert, möglichst großen Gewinn zu machen. Deswegen versuchen sie ein Angebot zu machen, das möglichst viele Schüler anzieht.“ 

 

 

 

Freie Marktsituation - Wo Schulen wettkämpfen

Seit in den 1990ern das Schulsystem liberalisiert wurde, schießen immer mehr Privatschulen aus dem Boden. Der Kampf um die Schüler ist hart geworden. Auch staatliche Schulen sehen sich gezwungen im PR-Wettstreit mitzumachen. Im Konkurrenzkampf werben die Schulen mit Angeboten um die Schüler: Eine Schule bietet Apple Computer an, ein anderes Gymnasium gibt Gutscheine für die örtlichen Restaurants aus, wieder wo anders wirbt man mit Auslandsreisen. Diese konkreten Themen bewegen die Eltern, darüber spricht man und danach wählt man aus.

Dass der liberale Bildungsminister nun plötzlich wieder mehr staatliche Schulen haben möchte, liegt nicht nur an der zentralisierten Verwaltung. Vor knapp einem Jahr ging der größte Schulkonzern Skandinaviens „John Bauer“ in Konkurs. Der Konzern wurde mit Risikokapital aufgebaut und gründete eine Schule nach der anderen, um so viele Schüler der geburtenstarken Jahrgänge für sich zu gewinnen. Die Sozialdemokraten wetterten: „Wir haben ein Schulsystem, das die Ausbildung der Schüler finanziert. Wir garantieren die Gehälter der Lehrer mit Steuermitteln, und trotzdem fehlen dem John Bauer Konzern mehr als 100 Millionen Euro. Und all das für nur 10.000 Schüler.” Die Grünen, allen voran Gustav Fridolin, finden sowieso, dass es nicht erlaubt sein darf, Schulen zu betreiben, um Geld zu verdienen. „Friskolar sind oft Eigentum internationaler Konzerne, die einzig am Gewinn interessiert sind. Wenn sie pleite gehen, müssen die Schüler, die oft eine sehr spezielle Ausrichtung mitbringen, von den kommunalen Schulen aufgenommen werden. Meist muss durch diesen Schulwechsel viel nachgelernt werden und Schüler verlieren ein Jahr.“, meint Mareike Jendis, Muttersprachenlehrerin für Deutsch. 

 

Die Sache mit der Chancengleichheit

Welche Kinder kommen dann in welche Schule? Der Unterricht ist kostenlos, ob privat oder öffentlich. Das Schulgeld - „Skolpeng“ - ist ein virtueller Schulscheck, den die auserwählte Schule überwiesen bekommt. Die Schulwahl ist frei. Für die Schulen bedeutet das: Mehr Schüler, mehr Geld, aber auch: Einfache Schüler bedeuten weniger Ausgaben. So stehen die Privaten in der Kritik, dass sie, um Gewinne zu machen, Problemschüler ausmustern und lieber öffentlichen Institutionen überlassen. „Ich glaube, dass staatliche und freie Schulen einen Unterschied machen. Sie entschließen sich für ihre Schüler, entsprechend deren sozialen Background und oft hängt das nur vom Namen ab.“, meint Fredrik Lindegren, künstlerischer Leiter der Kulturhauptstadt Umeå. Seine Frau und er haben ihren Söhnen auch deshalb für Schweden untypische Namen gegeben. – Milos, Pavel und Igor. „Die Namen unserer Söhne sind ein Statement für den freien Personenverkehr in der Europäischen Union. Für mich ist ein Name ein globales Ding, es sollte nicht national sein.“ Da kommt es schon mal vor, dass der Zahnarzt bei der Terminvereinbarung fragt, ob wir einen Dolmetscher brauchen oder die russische Schule uns Werbung zuschickt. Wonach Schulen Schüler auswählen und ob sie sich an die Warteliste halten, ist so gut wie nicht kontrollierbar. „Es gibt nach wie vor Probleme mit der Chancengleichheit im schwedischen Schulsystem“, meint auch Anders Auer von der Schulbehörde. 


27 junge Journalistinnen und Journalisten aus Österreich recherchieren auch dieses Jahr wieder in 27 EU-Staaten im Rahmen von "Eurotours 2014". Juliane Fischer berichtet für uns aus Schweden