Schweden

Die nördlichste Kulturhauptstadt - Im Land der Samen, Europas Urvolk

Wir stehen zwischen Gijrra (dem Frühling) und Gijrragiessie (dem Frühsommer). Denn 2014 ist in Umeå als Kulturhauptstadtjahr in die acht Jahreszeiten der Samen eingeteilt. Die Samen sind das einzige indigene Volk der EU. Sie haben die Region im Norden immer als ein Land ohne Grenzen gesehen. Umeå ist Teil von Sápmi, dem Land der Samen.


Im Juni ist Halbzeit. Man ist nicht nur mittendrinnen im Kulturhauptstadt-Jahr, sondern auch im nachhaltigen Entwicklungsprogramm bis 2050, wenn man das Jahr 2014 als Impuls für eine regionale Entwicklung sieht. Umeå reift im Prozess vor, während und nach dem Kulturhauptstadtdasein. Das Gesamtprogramm ist eine Co-Kreation mit lokalen Künstlern. „Wir hatten mehr als 80 öffentliche Treffen mit lokalen Shakeholdern um das Programm zu gestalten.“, so Fredrik Lindegren, der künstlerische Leiter der Kulturhauptstadt. Durch die lokale Anknüpfung versucht man das das kulturelle Kapital auch für die Zeit nach dem 2014 zu verankern.

„Hinter Umeå 2014 steht eine Open Source Idee. In einer demokratischen Gesellschaft ist Mitspracherecht das Um und Auf. Man darf nicht glauben, dass ich mir die Frage 'Welchen Künstler will ich buchen?' gestellt habe, sondern ich sprach beispielsweise mit dem Bildmuseum und fragte sie, was sie sich vorstellen. Für mich galt: 'Wer mitmachen wollte, sollte das tun können. Von Anbeginn auch bei der Programmgestaltung. Wir haben 200 unterschiedliche Assoziationen an Bord.'"

Kaum zu glauben, dass schon wieder eineinhalb Jahre vergangen sind, seit das Programm vorgestellt wurde. „Recherche, Euphorie, Reflektion, Zweifel, Chaos und zielorientierter Ansatz haben uns zum Programm getragen.“, erklärt Lindegren. Beim großen Opening dann die Spannung: „Ich hatte das Gefühl, wir müssen dieses wahnsinnig große Programm durch ein Nadelöhr pressen.“ Es war überwältigend und forderte einen konzentrierten Energieaufwand von der gesamten Crew. Dennoch wurde dabei auch vieles kritisiert. Mit 55.000 Besuchern hatte einfach niemand gerechnet.

 

 

Friede, Freude, Gitarrenpunk

Wie die Reaktionen von Ortsansässigen waren? – „Kritik gibt es immer. Es gab Aufregung und eine heftige Debatte von Seiten der in Umeå schon lange sehr starken Punkbewegung.“ Das war im März. Man hat sich auf die Diskussion eingelassen, sich ausgesprochen und seither sei es ruhig. Das Lokal Scharinska um das es speziell ging, wurde in das neue Gitarrenmuseum eingegliedert.

Nächstes Jahr wird das Europäische Kulturhauptstadt-Programm 30 Jahre alt. Laut Fredrik Lindegren ist es nicht nur das erfolgreichste, sondern auch das beständigste Instrument des europäischen Kulturkonzepts. „Vielleicht hält es überhaupt die EU in Gang.“, greift er ziemlich hoch.

„Wir teilen kulturelle Erfahrung. Wir machen kulturelle Zusammenarbeit möglich. Gerade jetzt wo ein fremdenfeindlicher Wind gegenüber unbekannten Kulturen aufkommt, halten kulturelle Projekte viel zusammen. Wer andere Kulturen kennenlernt, hat keine Angst mehr.“

Lindegren betont auf die Frage nach dem Zweck der Europäischen Union das ursprüngliche Friedensprojekt. Offener Dialog und Umgang miteinander sind der beste Weg um Konflikte zu vermeiden. „Und die Bürokratie darf nicht zu kompliziert und übermächtig werden.“, kann er sich auch nicht verkneifen.

 

 

Frühe Entscheidung

Nordschweden hat mit seiner historischen Tradition gegen extreme Bewegungen vielleicht eine gewisse Vorbildwirkung. Dass die fremdenfeindlichen Schwedendemokraten hier in Umeå die wenigsten Stimmen Schwedens holten, ist also nicht verwunderlich. Doch auch im eigenen Land gab es früher eine starke Ausgrenzung, ein „Fremdeln“ gegenüber einer unbekannten Kultur. Umso wichtiger ist der Fokus auf das Volk der Samen im Kulturprogramm. Die Entscheidung, die samische Kultur stark einzubeziehen, fiel schon ziemlich früh, nämlich 2005. Das Spotlight der Kulturhauptstadt soll auch Licht abwerfen für die Kultur der Samen. Einerseits um Bewusstsein für die kulturellen Besonderheiten zu schaffen, andererseits um aufzuarbeiten, dass so eine schreckliche Ausgrenzung stattgefunden hatte. Ebenso positiv stellt sich die Kooperation mit anderen Städten im Norden – Skellefteå, Luleå, Sundsvall – heraus. Für die nahe Zukunft ist ein großes Meeting angesetzt, bei dem die Zusammenarbeit zwischen den nordischen Städten auch nach 2014 besprochen wird.

„Österreich sollte der neugewonnenen Reputation als frei denkendes offenes Land gerecht werden.“

 

 

 

"Mehr als Kultur allein vermitteln"

Die Fokussierung auf soziale Ungleichheiten ist ein wichtiges Thema für die Organisatoren der Kulturhauptstadt. „Wir wollen mehr als Kultur allein vermitteln. Die Förderung der Vielfalt, Toleranz und Gleichberechtigung sind genauso wichtig.“ Eine offene Gesellschaft kann solche Werte beeinflussen. Lindegren findet, dass sich Schweden in diesen Punkten noch verbessern muss. Die Frage nach dem Eurovision Song Contest spielt ein ungekünsteltes Strahlen in die Augen des Kulturchefs. „Ich bin ein großer Fan davon und wir lieben Conchita Wurst!“ Das Statement hinter ihrem Auftritt hätte man Österreich nicht zugetraut. „Ich war positiv überrascht. Wo wird das Finale nächstes Jahr sein? Das würde ich gerne hinkommen.“ Dem Gastgeberland Österreich und den zukünftigen Organisatoren rät er, der neugewonnenen Reputation als frei denkendes offenes Land gerecht zu werden. Der Eurovision Song Contest sollte nun auf diesen Werten aufbauen.


27 junge Journalistinnen und Journalisten aus Österreich recherchieren auch dieses Jahr wieder in 27 EU-Staaten im Rahmen von "Eurotours 2014". Juliane Fischer berichtet für uns aus Schweden

  • Fredrik Lindegren (c) Juliane Fischer