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Die umkämpften Häuser

Die Geschichte der Hausbesetzungen in Wien


1975 wurde das erste Haus in Wien besetzt. Seitdem war es nie ganz still in der Bundeshauptstadt. Immer wieder wurden Häuser von unterschiedlichen Gruppen und Bewegungen besetzt. Manche hielten sich bis heute, andere wurden binnen weniger Stunden geräumt. Wir haben einen ausführlichen Blick auf das Phänomen "Hausbesetzungen in Wien" geworfen. 

  • Foto: besetzungsarchiv.org

Wir müssen über ein Tor klettern, um auf das Gelände der ehemaligen Mädchenschule im Wiener Außenbezirk Hietzing zu gelangen. Vor uns erstreckt sich ein weiter Garten mit vielen Obstbäumen, ein idyllischer Kleinod im sonst so hektischen Großstadtdschungel. In dem 1,5 Hektar großen Hauptgebäude wurden früher Krankenschwestern ausgebildet, seit 2013 steht das Haus allerdings leer. Zumindest bis Anfang Mai 2017, dann erklärte die Hausbesetzergruppe „Evora“-Evolutionäre Randgruppe- das Gelände für besetzt.

Denn auch in Wien steigen die Mieten und Raum für soziale oder politische Gruppen wird knapper. Hausbesetzungen erleben hierzulande in den letzten Jahren wieder einen Aufschwung, wenn auch oft weniger medienwirksam als noch in den ereignisreichen 80er Jahren. Ein paar Tage nachdem wir das Haus in Hietzing besucht haben, kommt es zur Räumung. Ein paar kämpferische Banner hängen an der Fassade, am Ende leisten die Besetzer_innen aber keinen Widerstand und verlassen freiwillig das Haus.

Übrig bleibt ein leeres, gespenstiges Haus, das wohl bald Eigentumswohnungen weichen muss. Schade eigentlich, die unterschiedlichen Menschen und kreativen Veranstaltungen haben das Gebäude in der kurzen Zeit ungemein belebt. Doch auch wenn Gruppen wie „Evora“ derzeit einen aussichtslosen Kampf gegen Immobilienfirmen und staatliche Behörden kämpfen, gelten Hausbesetzungen nach wie vor als wirkungsvolles Mittel im Kampf um alternative Freiräume und das Recht auf Stadt.

Hausbesetzung als vielseitige Protestform

Weltweit gesehen werden die meisten Besetzungen aufgrund von Armut ausgeübt, wobei in solche Fälle die besetzen Häuser selbstgebaute Wohneinheiten sind, die ohne Berechtigung des Grundbesitzers gebaut werden und fast gar kein Infrastruktur haben. Solche Fälle nennt man „stille“ Besetzungen, denn die Besetzer_innen versuchen ihre Besetzung nicht öffentlich zu machen. 

Andererseits gibt es „offene“ Besetzungen, bei denen die Öffentlichkeit wissen darf – und soll – dass das Haus besetzt ist. Häufig hängen Transparente an der Fassade, es werden Flugblätter verteilt. Politische Gruppen versuchen auf diesem Wege auf gesellschaftliche Missstände, mangelnden Kulturräume oder horrende Mieten aufmerksam zu machen. 

 Fast alle Wiener_innen kennen die Arena, ein Veranstaltungsort, der als alternatives Kulturzentrum verstanden wird, wo verschiedene Konzerte und Kulturveranstaltungen stattfinden. Allerdings, wissen sehr wenige, dass die Arena durch eine Hausbesetzung entstanden ist. Im Sommer 1976, dem sogenannt „heißer Sommer“ Wiens, sollte das Arenagebäude abgerissen werden und einer Filiale der Textilkette „Schöps“ weichen.  

Am 27. Juni 1976 wurde das Areal besetzt. Die Aktivist_innen gründeten den Verein „Arena Forum“ und stellten vier Forderungen an die Gemeinde Wien: Kein Abriss der Arena, die kulturelle Nutzung des Areals, Selbstverwaltung und die Zahlung der Betriebskosten durch die Stadt. Mittels Unterschriftenaktionen und Flugblätter sollten viele Wiener Künstler_innen, Aktivist_innen und Idealist_innen motiviert werden, sich an der Besetzung zu beteiligen. Die Besetzung lief bis zum 9. Oktober, wo sie friedlich geräumt wurde. Nach drei Tagen wurde das Areal abgerissen. Aber ein Teilsieg konnte trotzdem gefeiert werden, da die Besetzer_innen das äußerste Eck des Areals, den Inlandsschlachthof, zur Verfügung gestellt bekamen. 

Ein anderes Kulturzentrum mit einer ähnlichen Anfangsgeschichte ist das Amerlinghaus im 7. Gemeindebezirk Neubau. 1975 fanden mehrere Proteste von Anrainer_innen, Künstler_innen und Student_innen statt, die gegen den Abriss des baulich vernachlässigten historischen Spittelbergviertels waren. Sie forderten von der Gemeinde Wien ein Kulturzentrum, das allen Bevölkerungsgruppen offen stehen sollte. Am 1. August 1980 wurde das Amerlinghaus von der Burggarten Bewegung besetzt. Heutzutage ist es ein Kultur- und Kommunikationszentrum, in dem nicht kommerzielle, kritische Basiskulturarbeit stattfindet. 

Das Kulturzentrum WUK (Werkstätten- und Kulturhaus) ist eine der größten und erfolgreichsten Institutionen, die sich nach einer Besetzung etabliert hat. Das Gebäude befindet sich in der Währinger Straße 59 im Bezirk Alsergrund. Im WUK finden nicht nur kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte und Ausstellungen statt, es ist auch ein Bildungs- und Beratungszentrum und einen Ort, wo gesellschaftspolitische Initiativen realisiert werden können. Es gibt sieben Bereiche, die autonom verwaltet werden - Bildende Kunst, Gesellschaftspolitische Initiativen, Interkulturelle Initiativen, Kinder und Jugend, Musik, Theater und Werkstätten. 

Ein Phänomen mit langer Tradition 

Das erste Haus in Österreich wurde 1975 in Simmering besetzt. Eine Gruppe Jugendlicher hatte selbstverwaltete, unkommerzielle Räumlichkeiten gefordert. Nachdem sie aus einem Lokal rausgeschmissen wurden, besetzten sie zehn Tage ein Haus an der Simmeringer Hauptstraße und legten somit den Grundstein der Wiener Hausbesetzerbewegung. 

Im WUK treffen wir zwei Urgesteine der Kulturinstitution, die auch schon in den Anfangszeiten mitwirkten. Rudi Bachmann ist seit 1985 im WUK und Evelyne Dittrich - seit der Eröffnung 1981. Sie erzählen, dass es anfangs keine Einigung gab, was mit dem leerstehenden Gebäude passieren sollte. 

Ein bunter Mix aus Studierenden, Vertreterinnen von Frauenorganisationen und Kulturträger_innen haben schlussendlich an der Besetzung und der Bewegung zur Etablierung vom WUK als ein Kultur- und Jugendzentrum teilgenommen. Das WUK wird heute von einem sechsköpfigen Vorstand geleitet. Früher wurden Entscheidungen noch in basisdemokratischen Plenen getroffen, die mitunter Stunden in Anspruch nahmen. Dittrich erzählt auch von der turbulenten Zeit, als die Punks des geräumten Kulturzentrums Gassergasse im WUK einzogen und es aufgrund ihres lauten Auftretens und der großen Anzahl an Hunden durchaus zu Konflikten kam. 

Diese ursprünglichen ersten Besetzungen von Gebäuden in Wien waren vor allem geprägt vom Bedürfnis nach Räumen für alternative soziokulturelle Projekte. Da diese von der Stadt von sich aus nicht zur Verfügung gestellt wurden, ergriffen Gruppen und Vereine die Initiative und versuchten sich unter anderem durch Besetzung die nötigen Räume zu verschaffen. 

Robert Foltin, Autor mehrerer Bücher über die autonome Szene Wiens, war in den 80er Jahren in der Aegidi/Spalo und im Kulturzentrum Gaga aktiv. Er erzählt uns, dass die Stadt Wien in Folge der akute Wohnungsnot und der Krawalle, einigen sozialen und politischen Gruppen Häuser von sich aus überließen, allerdings mit der Option die temporären Bewohner später zu räumen. Die Rosa Lila Villa oder die Aegidi/Spalo waren solche zur Verfügung gestellten Projekte, die sich später eigenständig entwickelten. 

Besetzungen waren jedoch auch häufig Reaktion auf den Verlust einer (sub-)kulturell wichtigen Stätte: Dies zeigt sich auch in Form des Versuchs der Erhaltung des Lokals Rotstilzchen durch die autonome Bewegung, für die dieser Raum bereits eine besondere Bedeutung hatte. Ein ähnliches Motiv liegt etwa auch der Besetzung der Arena zu Grunde. Vor dem drohenden Abriss und der Besetzung wurde diese bereits für Veranstaltungen genutzt. 

Die meisten Besetzungen bezogen sich daher eher auf leerstehende Gebäude oder Gebäude, die zum Abriss oder radikale Umstrukturierung freigegeben wurden. Die Besetzungen der 70 und 80er sowie auch Teils der 1990er Jahre zeigten sich so in einigen Fällen auch als architekturerhaltende und für die Öffentlichkeit wichtige Vereine und Lokalitäten stiftende Bewegungen. Der Ausgang der Besetzungen war dabei häufig nicht nur von der Idee dahinter und der Verwendung im öffentlichen Interesse, sondern auch vom Wohlwollen und der Unterstützung der Bezirksvorsteher_innen und des Stadtrates abhängig. So konnten sich viele Besetzungen erfolgreich zu lange bestehenden teils bis heute geförderten Projekten entwickeln. 

Nachdem sich die Rauchschwaden der 80er Jahre gelegt hatten, wurde es zunehmend ruhiger in der Hausbesetzerszene Wiens. Einzig die Besetzung des Ernst-Kirchweger-Hauses Anfang der Neunziger sorgte für ein wenig Aufschwung. Das ehemalige KPÖ-Gebäude war jahrelang räumungsbedroht, konnte sich aber als autonomes, selbstverwaltetes Zentrum bis heute halten. 

Bis Mitte der 2000er Jahre blieb es nach der EKH-Besetzung ruhig. Gruppen wie „Hausprojekt“ oder die „Initiative Pankahyttn“ versuchten danach wieder dauerhaft selbstverwaltete Wohn- und Kulturräume zu besetzten. Während die Punks 2009 ein Objekt in der Johnstraße 45 offiziell beziehen konnten, löste sich die Gruppe „Hausprojekt“ nach zwei Jahren erfolglosen Besetzungen 2010 auf.

Die besetzten Häuser Wiens

 

 Rebellion gegen die Gentrifizierung

 Im 21.Jahrhundert hat sich die gesellschaftliche Ausgangssituation, aber auch die Hausbesetzerszene selbst, verändert. Von der breiten Protestkultur Anfang der 80er waren nach der längeren Ruhephase nur wenige linke Gruppen übrig geblieben, die für ihre Anliegen Häuser besetzen. Medial sorgt ein besetztes Haus kaum mehr für Aufsehen und die Polizei ist vorbereitet und räumt meist binnen weniger Tage. 

Einzig die Besetzungen des Epizentrums und der Pizzeria Anarchia konnten sich in den letzten Jahren länger halten, wobei vor allem letzteres durch die anfängliche Kooperation des Eigentümers ermöglicht wurde. Dieser hatte eine Gruppe Punks in seine Liegschaft in der Mühlfeldgasse geholt, um die restlichen Mieter_innen aus dem Haus zu drängen und anschließend teuer zu renovieren. Bei der angeordneten Räumung kam es zu massiven Ausschreitungen und horrenden Kosten in Millionenhöhe. 

Der Fall der Pizzeria Anarchia verdeutlicht allerdings auch eine Entwicklung der Wohnpolitik, die sich seit Jahren in vielen Großstädten weltweit abzeichnet: Mietpreise steigen, Immobilienspekulationen häufen sich und Zwangsräumungen nehmen zu. War das „rote Wien“ lange Zeit für seine vielen Gemeindebauten und sozialen Wohnprojekte bekannt, zeichnet sich auch hierzulande eine Wende ab. 

Unter der SPÖ-Regierung wurden Anfang diesen Jahres die Richtwerte für Mieten im Altbau erstmals seit drei Jahren wieder erhöht, auch der Lagezuschlag darf nun monatlich um 0,53 Euro pro Quadratmeter erhöht werden. Zwischen 2008 und 2014 stiegen die Bruttomieten um 22 Prozent österreichweit, Tendenz steigend auch in den letzten drei Jahren und jährlich kommt es zu 36.000 Räumungsverfahren. 

Die zunehmende Gentrifizierung in Wien lässt immer mehr unzufriedene Bürger_innen aktiv werden. Das zeigen die Proteste im Zuge der Hetzgasse oder die Konflikte um den Künstlerverein „mo.e“. An stark von Verdrängungsprozessen betroffenen Orten organisieren sich Bürgerbewegungen wie am Yppenplatz oder am Donaukanal, um die gesellschaftliche Nutzung dieser Orte zu bewahren. Hausbesetzungen könnten also durchaus wieder an Relevanz gewinnen, wenn die Schaffung von unkommerziellen Freiräumen und soziale Wohnmaßnahmen der Politik ausbleiben.