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Die Flut

Im August 2002 wurde Klosterneuburg von der Jahrhundertflut erfasst. Der starke Regen und das hohe Wasser forderten neun Todesopfer und einen Sachschaden von rund drei Milliarden Euro. Viele Betroffene mussten ihre Häuser verlassen. So auch Leopoldine Sprengnagel. Die Rentnerin hat durch die Flut alles verloren.


Wusch. Ein grauer Audi rast vorbei. Wusch, ein gelber Toyota hinterher. Da wo einst noch ein Haus stand, verläuft heute die B14. Leopoldine Sprengnagel starrt auf die Straße, es fällt ihr nicht leicht sich an damals zu erinnern. 

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An die Flut, wie die Rentnerin das große Hochwasser vom Sommer 2002 nennt. Damals standen ganze Landschaften, Städte und Dörfer in Österreich unter Wasser. Auch Klosterneuburg in Niederösterreich, Leopoldines Geburts- und Heimatstadt, wurde von den Wassermengen erfasst. „Ich dachte eigentlich, ich bin sicher“, sagt die 90-jährige Rentnerin, „aber später hatte ich Angst zu ertrinken.“

Im August 2002 hat Leopoldine alles verloren, das Hochwasser hat ihr Haus mit allem Hab und Gut mit sich mitgerissen. Damals standen ganze Landschaften, Städte und Dörfer in Österreich unter Wasser. Auch Klosterneuburg in Niederösterreich, Leopoldines Geburts- und Heimatstadt wurde von den Wassermengen erfasst. Heute wohnt die Rentnerin in einer kleinen Gemeindewohnung in Kritzendorf, nur drei Kilometer von ihrem alten Heim entfernt.

Die Geschichte von Leopoldine ist kein Einzelfall. So wie sie haben bereits viele
Menschen in Österreich ihre Existenz aufgrund von starkem Hochwasser verloren. Leopoldine möchte darüber reden. Denn viele Menschen denken beim Wort „Naturkatastrophe“ sofort an entfernte Kontinente wie Amerika oder Asien, sagt sie. „Ein Irrtum“, wie sie betont.

Der Regen

“Alles hat an einem kühlen Montag im August begonnen“, sagt Leopoldine, „Ich konnte nicht gut schlafen in dieser Zeit. Ständig bin ich aufgewacht.“ Auch in dieser Nacht sei es ihr schwer gefallen einzuschlafen, erinnert sie sich. Schon Tage zuvor hatten die regionalen Tagesblätter und Radiostationen über das anstehende Hochwasser berichtet. Es war nicht das erste Mal, dass die Klosterneuburger Durchstich bei Starkregen mehrere Meter hoch anstieg. Schon in der Vergangenheit wurde die knapp 26.000-Einwohner-Stadt mehrmals von Fluten aus Wasser, Matsch und Geröll heimgesucht. Auch an jenem Sommerabend stieg der Fluss acht Meter hoch an. „Damals wurde uns gesagt, das Wasser würde den Wohnbereich nicht erreichen. Man soll einfach zu Hause bleiben, warten bis der Sturm vorbei gezogen ist“, sagt Leopoldine. „Ich habe mir also keine Sorgen gemacht.“

Warum denn auch, schließlich sind Naturkatastrophen wie Hochwasser auch in Österreich ein immer wieder vorkommendes Phänomen. Es ist also ganz normal, dass Flüsse, wie die Klosterneuburger Durchstich, Hochwasser führen. Die Gefahr von Überschwemmungen nach starkem Regen ist vor allem im Frühjahr sehr hoch. In den vergangenen Jahren sind vor allem die sogenannten „Jahrhundert-Hochwasser“ aufgefallen. In den Jahren 2002 und 2013 verwüsteten enorme Wassermengen Teile von Oberösterreich, Niederösterreich, Steiermark, Tirol und Salzburg. Der starke Regen und das hohe Wasser im Jahr 2002 forderten neun Todesopfer und einen Sachschaden von rund drei Milliarden Euro. 

Das auch Leopoldine ein Opfer des Jahrhundertwassers im Jahr 2002 werden sollte, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Die Flut

Doch nach nur zwei Tagen mit starkem Regen erreichte das Wasser Leopoldines Haus. In der Nacht hört sie plötzlich ein Plätschern: „Erst dachte ich, es sei nur der Regen. Doch dann habe ich Missy miauen gehört, sie klang ängstlich.“ Sie geht die Treppen hinunter, öffnet die Kellertür und kann ihren Augen kaum glauben: Wasser überall. Die Regale mit dem Gartenwerkzeug, die schwarzen Mülltonnen, die Kiste mit dem Spielzeug der Enkelkinder – alles war von den Fluten erfasst.

Anfangs reichte ihr das Wasser nur bis zu den Knöcheln, doch es stieg stündlich um ein paar Zentimeter an. Die restliche Nacht verbrachte sie damit, Wertgegenstände und kleinere Möbel in den zweiten Stock zu tragen.

Was Leopoldine damals nur ahnen konnte: Durch Dauerregen wird der Boden großflächig durchtränkt. Nach einiger Zeit kann der Boden kein Wasser mehr aufnehmen. Die Flüsse ufern aus. Neben hohen Niederschlägen ist auch die Klimaerwärmung eine Ursache von Hochwasser. Klimatische Veränderungen wie die globale Erderwärmung beeinflussen die Häufigkeit und Intensität von Naturkatastrophen wie Hochwasser. Schuld am Klimawandel ist vor allem der Mensch.

Dass das Wasser aber so hoch steigen würde und sie sich bereits Stunden später in einer lebensgefährlichen Situation befinden würde – all das wusste Leopoldine damals noch nicht. Ängstlich und nachdenklich trug sie Gegenstand für Gegenstand nach oben.

Die Rettung

Schon am Morgen darauf muss sie das Haus verlassen. Ein Rettungsboot der lokalen Feuerwehr brachte sie in Sicherheit. Das Haus, in dem sie geboren und aufgewachsen war, in dem sie selbst mit der eigenen Familie darin gewohnt hatte, wurde noch am selben Tag evakuiert. Die Aufräumarbeiten des Katastrophenschutzes, der Feuerwehr und der zahlreichen freiwilligen Helferinnen und Helfer, sollten selbst eine Woche nach der Flut noch nicht vorbei sein. Bundesheermitglieder, Feuerwehrmänner aus umliegenden Ortschaften, Verwandte – alle halfen mit, den circa 15 Zentimeter hohen Schlamm aus dem Haus von Leopoldine zu schaffen.


Durch die Nässe hatte sich überall im Haus schwarzer Schimmel verbreitet, die fachgerechte Entfernung dauerte Monate. Die Schadenssumme beziffert Leopoldine mit rund 100.000 Euro. „Das war eine harte Zeit. Nicht nur für mich - auch für die Nachbarn und für meine Familie“.

Knapp ein Jahr nach der Flut musste Leopoldine ihr Haus endgültig verlassen und umziehen. Die Rentnerin scheint den Schock von damals überwunden zu haben. Leopoldine hat die Jahrhundertflut ohne körperliche Schäden überstanden. Mittlerweile scheint sie auch in ihrem neuen Zuhause glücklich zu sein. Denn obwohl Leopoldine alles verloren hat, so hat sie auch etwas dazugewonnen: die Flut hat ihre Familie viel stärker zusammengeschweißt als jemals zuvor.