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Geschichten in Blau-Gelb

Von der Heimat der Fußballnationalmannschaft bis zur Spielstätte in der 2. Landesliga. Die Naturarena Hohe Warte im 19. Wiener Gemeindebezirk kann auf eine glorreiche Vergangenheit zurückblicken, muss sich aber auch mit der etwas weniger erfreulichen Gegenwart anfreunden.


  • Der fragende Blick in die Zukunft der Hohen Warte ©Christoph Huemer

2017 muss der auf der Wiener Hohen Warte beheimatete Verein First Vienna FC Insolvenz anmelden, aber der Konkurs kann knapp verhindert werden. Die Mannschaft darf zunächst in der Regionalliga Ost weiterspielen, jedoch muss sie letztendlich aufgrund der verlorenen Spielberechtigung in die 2. Landesliga zwangsabsteigen. Trotz der aktuellen tristen Lage des First Vienna FC und ihrer Heimstätte der Hohen Warte liegen dort die Wurzeln des österreichischen Spitzenfußballs. 

Vom Krautacker zum 80.000er Stadion

Nach der Gründung des First Vienna FC am 22. August 1894 im Gasthaus „Zur schönen Aussicht“ spielt man zu Beginn auf der Kuglerwiese nahe der Heiligenstädter Straße. Der Platz, der auch als „Krautacker“ von den Spielern bezeichnet wird, wird aber schnell, wie der Spitzname vermuten lässt, als unzureichend befunden. So zieht man 1896 auf die „Ziegelwiese“, die nach dem Pächter und Ziegelei-Inhaber Kreindl benannt wird und die neue Heimstätte der Vienna wird.

Fußballplatz kann man auch die Kreindlwiese noch nicht nennen. Zwar ist dieser mit einer Planke zur Straße hin ausgestattet, jedoch hängt der Platz zu einer Seite weg. Die Mannschaften sind gezwungen entweder bergauf oder bergab zu spielen, was oft mehr einem „Ball-Nachlaufen" als einem Fußballspiel gleicht. Dieses Auf und Ab Laufen zieht jedoch immer mehr Schaulustige an; so viele, dass man ein Jahr später die Eintrittspreise verdoppeln muss, um den Ansturm einzudämmen. Das größte Publikum versammelt sich bei Spielen gegen den „Vienna Cricket Football Club“. Mit diesem Verein verbindet die Vienna eine große Rivalität; einerseits sind es die einzigen beiden Vereine in Wien, andererseits haben die Cricketer die Vereinsanmeldung nur ein paar Stunden nach der Vienna eingereicht. Deshalb muss sie das „First“ im Namen an die Vienna abtreten, womit offiziell die Vienna der älteste Fußballverein Österreichs ist. Da trotz höherer Ticketpreise auch die Kreindlwiese schnell zu klein wird, muss die Vienna eine neue Heimstätte suchen und bezieht am 1. November 1899 den Sportplatz auf der Hohen Warte. Von der Prater-Rennbahn, der ersten Heimstätte der Cricketer, transportiert man die mit einem Dach versehene Holztribüne. Die Eröffnung der Tribüne wird am 20. März 1904 natürlich, wie sollte es anders sein, mit einem Match gegen die Cricketer gefeiert, das aber 0:3 verloren geht.

Neben Spielen der Vienna und des österreichischen Nationalteams wird die Hohe Warte zu einem Veranstaltungsort. Fußballvereine aus ganz Europa kommen auf die Hohe Warte. Vereine aus England wie Manchester United, Everton oder Tottenham Hotspurs, aus Kopenhagen kommt der Bolden Clubben, aus Prag die Slavia und die Sparta und sogar der amtierende deutsche Meister Union Berlin. Als 1904 die Glasgow Rangers den Döblinger Platz bespielen, verletzt sich der schottische Torwart. Ersatz gibt es in den eigenen Reihen keinen und so springt der blau-gelbe Torhüter Karl Pekarna ein, der bei den Schotten einen so guten Eindruck hinterlässt, dass er prompt verpflichtet wird. Damit geht er als erster österreichische Legionär in Großbritannien in die Geschichte ein, wobei sein Engagement nach zwei Monaten enden muss, da es Probleme mit der Arbeitserlaubnis gibt. 1906 holt man die Komiker Truppe „Pinaud-Crabtree“, die zu der Zeit im Apollotheater gastiert, zu einem „humoristischen Fußballmatch“ auf die Hohe Warte. Dabei hütet ein 16-jähriger Junge das Tor der Künstlertruppe, sein Name war Charlie Chaplin.

Die Blütezeit der Hohen Warte

Mit einer beachtlichen Grundfläche von 96.000 Quadratmetern wird letztendlich das neue Stadion auf der Hohen Warte am 19. Juni 1921 eröffnet. 12.000 Zuschauer kommen, um das erste Spiel hautnah miterleben zu können. Im Jahr 1922 finden die ersten Länderspiele statt, wobei schon eine große Anzahl von Fans untergebracht werden muss: 70.000 gegen Deutschland, 60.000 gegen die Schweiz und 65.000 gegen Ungarn. Dabei werden schon die ersten Stimmen laut, dass die Hohe Warte zu klein wäre.

Das Jahr 1923 ist sicherlich das bedeutendste Jahr für das Stadion auf der Hohen Warte. Am 15. April 1923 findet das lang erwartete Länderspiel gegen Italien statt, welches ganz Wien in einen Ausnahmezustand bringt. 85.000 Fans schaffen es ins Stadion, 15.000 bis 20.000 warten noch bei den Kassen, als das Spiel bereits ausverkauft ist. Im Laufe des Spiels kommt es beinahe zu einer Katastrophe, als der Nordhang aufgrund der Menschenmassen und Regenfälle zu rutschen beginnt. Es gibt zahlreiche Verletzte, doch das Match wird fortgesetzt. Das Spiel endet zwar nur 0:0, doch Italien ist ein europäisches Spitzenteam, das schon seit drei Jahren unbesiegt ist. Nach den Vorfällen beim Länderspiel gegen Italien wird die Tauglichkeit des Stadions in Frage gestellt, da behauptet wird, dass dieses nicht für solch große Sportveranstaltungen geeignet wäre. Pläne für ein neues „Wiener Stadion“ kommen wieder auf, doch diese werden vorerst nicht in die Tat umgesetzt. In den folgenden Jahren folgt ein Fußball-Höhepunkte nach dem anderen.

Aber auch andere Sportarten kommen auf der Hohen Warte auf ihre Kosten, so gibt es neben Laufevents, auch einen Boxkampf zu sehen. George Carpentier der „fesche Schurl“, so wie er von den Wienern genannt wird, kämpft vor bis zu 30.000 Zuschauern gegen den Briten Townley. In diesem Jahr gibt es nicht nur sportliche Höhepunkte. Es pilgern noch mehrLeute auf die Hohe Warte als dort die „Meistersinger von Nürnberg“ unter freiem Himmel auftreten, so wird der Platz auf einem Schlag zur weltgrößten Opernbühne, auf der ein Jahr später die „Aida“ aufgeführt wird. 

Die Geburt des Wunderteams

Die Ära des sogenannten „Wunderteams“ beginnt am 16. Mai 1931 beim Spiel gegen Schottland. Österreichs 5:0 Sieg wird als Geburtsstunde des Wunderteams bezeichnet. In weiterer Folge feiert das Wunderteam unzählige Erfolge: In 18 Spielen erzielt es 15 Siege und 3 Unentschieden. Sogar die besten Mannschaften Europas können besiegt werden. Als eine der letzten Sternstunden des Wunderteams zählt das Spiel gegen England 1932 in London, welches von der Presse als „Spiel des Jahrhunderts“ bezeichnet wird. Österreich ist zu dieser Zeit erst die dritte Nationalmannschaft, die nach London eingeladen wird. Letztendlich gewinnt England 4:3, doch die Presse ist sich einig, dass Österreich ein tolles Spiel geliefert hat. Das Spiel zwischen Österreich und England gilt als einer der ersten Höhepunkte in der Entwicklung des Sports hin zu einem Medienspektakel. Am 9. April 1933 nimmt die Ära des Wunderteams ein Ende, am selben Ort an dem das Märchen auch begann. Ein letztes Mal kommen 61.000 Fans zusammen, als Österreich gegen die Tschechoslowakei 1:2 verliert. Somit ist die große Siegesserie des Wunderteams zu Ende. Trotzdem fährt Österreich 1934 als einer der Favoriten zur Weltmeisterschaft nach Italien. Mit dem Ende des Wunderteams endete auch das goldene Zeitalter auf der Hohen Warte.

Abgelöst wird die Hohe Warte schließlich vom Praterstadion. Am 5. April 1936 finden sich 46.000 Fans zum Abschiedsmatch gegen Ungarn auf der Hohen Warte ein. Österreich verliert 3:5. Somit hat das Praterstadion endgültig die Alleinherrschaft über internationale Wettkämpfe übernommen.

  • Kinder beim Kicken mit dem Fetznlaberl auf der “Gstätten” in Döbling 1932. Links die Hohe Warte, rechts im Hintergrund der Karl-Marx-Hof. Foto: ÖNB / Lothar Rübelt
  • Eröffnungsspiel auf der Hohen Warte Foto: ÖNB / Lothar Rübelt
  • Beim Ländermatch gegen Schweden 1926 sind die Ränge voll. Foto: ÖNB
  • Luftbild von einer vollen Naturarena Foto: First Vienna

Unter der deutschen Flagge

März 1938 – der Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland erfolgt. Auch für den Wiener Fußball und den First Vienna Football Club, sowie die Hohe Warte bedeutet dies Konsequenzen. Alle jüdischen Vereine werden aus den Ergebnislisten gestrichen und aufgelöst, englische und tschechische Vereinsnamen müssen geändert werden. Die Vienna bleibt von dieser Sanktion bis ins Jahr 1940 verschont. Erst dann wird der Name zu „Fußballklub Vienna 1894“ abgeändert. In der Zeit bis zum Anschluss sind viele jüdischen Funktionäre, Spieler und Mitglieder maßgeblich an den Erfolgen der Blau-Gelben auf der Hohen Warte beteiligt. Mit dem Anschluss und den Vorgaben der NS-Behörden ändert sich dies schlagartig, da jene Personengruppe vom Vereinsleben ausgeschlossen wird. Nur zwei Vereine in ganz Wien haben bis zu diesem Zeitpunkt einen höheren Anteil an jüdischen Aktiven und Funktionären. 

Jedoch ist gerade die NS-Zeit die erfolgreichste Zeit für die Vienna. 1942 spielt die Mannschaft der Vienna in Berlin um die deutsche Meisterschaft. Gegen Schalke 04 verlieren die Blau-Gelben zwar mit 2:0, jedoch sind sie in diesen Jahren eine der dominanten Mächte im Fußball. Jedoch gilt es zu erwähnen, dass die erfolgreichsten Teams dieser Jahre vor allem schaffen, Ausfälle zu kompensieren. Denn immer wieder werden wichtige Spieler in den Krieg beordert. Am 31. Oktober 1943 gewinnt die Vienna den deutschen Pokal. Nach dem Halbfinal-Sieg gegen Schalke, spielen die Döblinger in der „Adolf-Hitler-Kampfbahn“ in Stuttgart gegen den Luftwaffen-Sportverein Hamburg. Ein Tor in der 113. Minute beschert den Wienern den Sieg, den sie nach Abpfiff mit den mitgereisten Fans feiern. Die Chance auf eine Titelverteidigung bietet sich im folgenden Jahr aufgrund des Kriegsverlaufes nicht.

Doch während dieser erfolgreichen Jahre werden zahlreiche ehemalige Aktive und Funktionäre der Vienna vertrieben, verfolgt und ermordet. Auf der Hohen Warte gibt es bis zum Anschluss nur zwei Nichtjuden, die die Funktion des Vereinspräsidenten innehaben. Auch der langjährige Leiter der Sektion Fußball Rudolf Grünwald fällt dem nationalsozialistischen Regime zum Opfer.

Der Verein auf der Hohen Warte

First Vienna Football Club 1894. Englische Fußballkultur mitten in Döbling. 

Als um 1870 der Wiener Bankierserbe Nathaniel Mayer Anselm Freiherr von Rothschild im Bereich des heutigen 19. Bezirks auf dem Hügel Hohe Warte eine prächtige Gartenanlage errichtet, kann er noch nicht wissen, dass er einen wesentlichen Grundstein für die Geschichte des österreichischen Fußballsports gelegt hat. Er weiß noch nicht, dass sich in unmittelbarer Nähe bald 80.000 Begeisterte wiederfinden, um 22 Männer und ein Rundes Stück Leder aufmerksam zu verfolgen. Und er kann auch noch nicht wissen, dass gerade dieser Sport Millionen von Zuschauern vor ein Gerät namens Fernseher locken wird. 

Alles, was er wissen muss, erfährt er Mitte der 1890er Jahre, als Franz Joli, Sohn seines Garteninspektors, von einem Studienaufenthalt von den britischen Inseln zurückkehrt. Begeistert vom Fußballspiel, organisiert er mit seinem Bruder und den britischen Gärtnern der Rothschildanlage erste Matches. Was in UK schon längst zum Nationalsport avanciert, wird in der Hauptstadt der k. u. k. Monarchie belächelt. Doch wenn man sich schon einmal zu einer Partie überreden lässt, kann man dem Spiel danach nur schwer widerstehen und schon bald finden sich Dutzende Hobbykicker in Wien, die den Ball rollen lassen.

Die heimischen Sporterfolge der Vienna bleiben in den ersten Jahren eher bescheiden. Man gewinnt zweimal den Challenge-Cup, den ersten österreichischen Fußballwettbewerb in den Jahren 1899 und 1900. Danach lange nichts mehr bis in die Anfänge der 30er Jahre, als man zweimal österreichischer Meister und in den Kriegsjahren dreimal Meister der Ostmark in der Gauliga wird. Neben dem Cup kann man 1931 auch auf internationaler Ebene den Mitropapokal, ein Vorläufer der heutigen Champions League, gewinnen.

An diese Blütezeit kann die Vienna danach leider nicht mehr richtig anschließen. Nach der letzten gewonnenen Meisterschaft 1955 bleibt der Verein nie konstant; ein stetiges Auf und Ab zwischen den Spielklassen beherrscht die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da hilft auch nicht der vom FC Barcelona ausgeliehene „Córdoba-Held“ Hans Krankl.

  • Fan-Schal zum "Derby of Love"
  • Die Spieler sind bereit für den Anpfiff
  • Fans auf der Naturtribüne
  • Das erste Tor des Spiels ist gefallen
  • 1:0 für den First Vienna FC 1894!
  • Die Spielerbank der Vienna
  • Ein Blick von ganz oben

Unterhaus-Fußball auf der Hohen Warte

Trotz der sportlichen Misere in den letzten Jahren, erfreut sich der Verein gerade in schwierigen Zeiten über eine vielfältige Unterstützung mehrerer Fangruppen. Auch bei nur einigen Hundert Fans auf den Tribünen entsteht eine Stimmung, die an englische Fußballkultur erinnert. Bemerkbar macht sich dies durch viele englischsprachige Gesänge wie auch die gefeierte Selbstironie, wenn die „unter dem Porsche-schlafenden, asozialen Döblinger“ besungen werden.

Obwohl man zur Zeit nicht die selbe Spielklasse bespielt, pflegt die Vienna ihre überaus freundliche Rivalität zum Wiener Sportklub. Das „Derby of Love“ lockt häufig Tausende Anhänger auf die Hohe Warte und ist auch international bekannt.

Fanclubs wie die Vienna Wanderers oder die Döblinger Kojoten engagieren sich immer wieder gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie und prägen ein überaus positives Bild in der Wiener Fan-Szene. Oftmals werden Choreografien vorbereitet, manche gehen sogar viral.

Der Besuch eines Spiels ist schon aufgrund der besonderen Atmosphäre den Eintritt wert. Hier scheint die Hoffnung auf ein Aufblühen der Blau-Gelben und ihrer Hohen Warte noch nicht gestorben zu sein. In den sozialen Netzwerken liest man häufig den Hashtag „Comeback“. Gerne hätte man mit der Hohen Warte eine Gaststätte, die regelmäßig die großen Vereine Österreichs empfängt. Auch die britischen Traditions-Teams wären wieder gern gesehene Gäste in Döbling. Die Champions League ist wohl noch sehr weit entfernt, möglich wäre eher ein Vorbereitungsspiel im Sommer. Lässt man den Blick über die Tribüne schweifen, so kann man sich volle Ränge nur zu gut vorstellen. Schön wäre es auf jeden Fall.