Multimedia

Raus aus dem Schatten

Eine Multimedia-Reportage über den Alltag wohnungsloser Menschen in Wien, Hilfsorganisationen und Projekte


Unmittelbar nach Eintritt des Sommers, sind die Straßen Wiens wieder belebt. Auch die Obdachlosenszene Wien tritt ans Licht. Die im Winter zusätzlich eingerichteten Schlafmöglichkeiten fallen jedes Jahr ab dem 1. April weg. Aus diesem Grund suchen sich in den wärmeren Monaten betroffene Personen einen Schlafplatz im öffentlichen Raum. Nur 2,5 Prozent der geschätzten 8.000 Wohnungslosen sind tagsüber wie auch nachts an öffentlichen Plätzen Wiens anzutreffen. Obdachlose in Wien haben es nicht leicht, auch wenn es zahlreiche unterstützende soziale Projekte in Wien für sie gibt. Im Zuge der Reportage haben wir die „Shades Tour Wien“ besucht, bei der wir Charles Ademilua kennenlernten. Dieser hat uns über Obdachlosigkeit in Wien aufgeklärt und uns zahlreiche spannende Orte und Projekte vorgestellt. 

Soziale Hilfsprojekte für Obdachlose in Wien 

Die drei folgenden Hilfsaktionen sollen als Paradebeispiel für Obdachlosenhilfe in Wien dienen. Sie sollen aber auch aufzeigen, dass jeder ohne großen finanziellen Aufwand Benachteiligten in Wien helfen kann. 

Shades Tour (Gruft)

Die Shades Tour ist eine Aktion der Gruft. Fast an jedem Wochentag kann man eine Tour buchen.  Diese besteht daraus, dass ehemalige Obdachlose eine Gruppe von Interessierten durch Wien führen, und die Stadt aus einer anderen Perspektive zeigen. Die Shades Tour setzt somit an zwei Problemstellen an. Sie hilft auf der einen Seite, Obdachlosen wieder eine Aufgabe und somit einen geregelteren Alltag zu geben. Für ehemalige Obdachlose ist schließlich der Weg zurück in die Arbeitswelt schwer. Durch die Shades Tour haben sie eine feste Aufgabe, ein wenig mehr Geld zur Verfügung und sie treffen Menschen, die sich für ihre Geschichte interessieren. Auf der anderen Seite zeigt die Shades Tour interessierten Leuten wirklich eine andere Facette der Stadt und informiert über Obdachlosigkeit in Wien.

Mittendrin 

Das Lokal „mittendrin“ befindet sich in der Währinger Straße und ist ein Projekt der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan. Diese betreibt unter dem Namen VinziRast verschiedene Hilfsprojekte, wie Notschlafplätze, WGs für Obdachlose und Studenten oder eben das „mittendrin“. Hier wird zu fairen Preisen leckere Küche geboten. Das Essensangebot reicht von typisch österreichisch bis hin zu orientalischen Speisen. Eine weitere Besonderheit: im „mittendrin“ arbeiten neben ehrenamtlichen Mitarbeitern zahlreiche ehemalige Obdachlose und Teilnehmer der VinziRast- Projekte, die hier eine Chance auf eine Festanstellung und die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt bekommen. Der Gewinn des Restaurants geht außerdem an die Vinzenzgemeinschaft St. Stephan, die damit auch weitere Hilfsprojekte unterstützen kann.

Suppe mit Sinn

„Suppe mit Sinn“ ist eine jährliche Winteraktion der österreichischen Tafeln. Zahlreiche Gastronom_innen in Wien setzen eine Suppe auf ihre Speisekarte, von deren Einnahmen sie jeweils an die Tafeln spenden. Diese versorgen mit den Spendengeldern Obdachlose in ganz Österreich. Das Projekt startet jedes Jahr am 31. November. 

Wer, Was, Wo 

Wenn es um Obdachlosigkeit geht, ist es erstaunlich zu bemerken, von wie vielen Menschen man eigentlich redet und was Obdachlosigkeit eigentlich bedeutet.Die Europäische Typologie für Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und prekäre Wohnversorgung definiert "obdachlos" folgendermaßen:

„Als obdachlos gelten Menschen, die auf der Straße leben, an öffentlichen Plätzen wohnen, ohne eine Unterkunft, die sich in Verschlägen, Parks oder unter Brücken etc. aufhalten. Obdachlos sind aber auch Menschen in Notunterkünften, die keinen festen Wohnsitz haben und in Wärmestuben, Notschlafstellen oder anderen niederschwelligen Einrichtungen übernachten.“

Genaue Zahlen über Obdachlose in Wien gibt es nicht. Die Wiener Tafel schätzt die Zahl der permanenten Obdachlosen auf 8.000 in der Bundeshauptstadt. In Wien gibt es 4.500 Wohn- und Schlafplätze, die für Menschen ohne festen Wohnsitz zur Verfügung stehen. Dazu gehören auch diejenigen, die nur temporär obdachlos sind. Genaue Zahlen lassen sich daraus aber trotzdem schwer ableiten, denn Obdachlose kommen selten regelmäßig in dieselben Unterkünfte. Beachtet werden müssen aber auch die Menschen, die in die Kategorie „Bedroht von Wohnungslosigkeit“ fallen. Dazu gehören z.B. AsylbewerberInnen, Leute die gerichtliche Kündigungsverfahren am Hals haben oder Jugendliche, die nach dem 18. Lebensjahr nicht mehr von der Jugendwohlfahrt unterstützt werden. Fakt ist, dass Obdachlosigkeit viele Gesichter hat. Sei es durch einen Unfall oder Krankheit, durch Schulden oder die Entlassung aus dem Gefängnis- es kann jeden treffen. 

Die Obdachlosenszene Wiens im öffentlichen Raum 

Für sozial ausgeschlossene Gesellschaftsmitglieder, ohne permanente Unterkunft, ist es meist eine Herausforderung, die Zeit bis zur Wiederaufnahme der Schlafplätze totzuschlagen. Trotz vieler sozial-staatlicher Maßnahmen und Angebote verläuft die Obdachlosenszene hauptsächlich Hand in Hand mit der Alkohol- und Drogenszene Wiens. Die Hauptumschlagplätze der Stadt werden seit den 90ern mit Mühe kontinuierlich zerschlagen, verändert, verschoben. Aus diesem Grund ist die Szene seit dem, anders als in anderen Großstädten, dezentralisiert. Die Szene verteilt sich mehr oder weniger auf die ganze Stadt. Trotz dessen prägen bestimmte Orte die Erinnerungen an die Wiener Obdachlosenszene besonders.

Der Burggarten

Im Burggarten befand sich früher ein Abgang in die Kanalisation. Kanalobdachlosigkeit entstand Ende des 19. Jahrhunderts, bis in die 1950er.       
Die Stadt Wien beschreibt die Lage: „Die Not brachte einige Menschen dazu, in den Abwässern nach verwertbaren Gegenständen zu suchen. Sie gehörten zu den ärmsten Bewohnern Wiens, viele von ihnen waren obdachlos- und arbeitslos oder versuchten ihr unzureichendes Gehalt mit dem Schrotten aufzubessern.“ Damalige „Griasler“(Altwiener Ausdruck für Obdachlose) suchten in den Kanälen Schutz vor Kälte und Wind.

Der Karlsplatz 

Der Wiener Karlsplatz war jahrzehntelang das berücksichtigte Zentrum der Drogen- und Obdachloseszene. Die Vice berichtete: „Während es dort in den 80ern tatsächlich noch in allererster Linie um Heroin ging und man dort täglich hunderte Suchtkranke treffen konnte, waren es in den späten 90ern und 00er-Jahren fast ausschließlich Tabletten, Medikamente und Substitutionsmittel, die unten den Suchtkranken intern getauscht wurden.“ Aktuell ist von der örtlichen Szene nichts mehr zu bemerken. Nach umfangreicher Befragung der Obdachlosen wurde die Anfrage und die Not nach Betreuungseinrichtungen festgehalten. Im Zuge dessen etablierten sich unter „Fonds Wien“ weitere Einrichtungen, die sich um die Unterstützung der Suchtkranken bemühten.

Gürtel 

Über den Lauf der Zeit verteilte sich immer wieder die Konzentration rund um den Gürtel. Vor allem auch um den Westbahnhof. Während der akuten Flüchtlingskrise 2015 campierten Flüchtlinge, zusammen mit den Obdachlosen am Westbahnhof. Nicht zu vergessen, die zahlreichen Drogendealer, die sich am Gürtel positionieren, um nah an den Konsumenten zu sein. 2016 wurde durch eine Gesetzesänderung jedoch die Verhaftung von Dealern erleichtert, und der Polizei dazu beholfen hunderte von Straßenverkäufern auffliegen zu lassen. Hier handelt es sich meist nicht um große Mafiastrukturen. Das Drogensuchtzentrum an der Gumpendorferstraße fungiert zu dem als Anlaufzentrum für Obdachlose. 

Praterstern

Die Wiener Obdachlosenszene konzentriert sich aktuell um vier Dreh- und Angelpunkte. Dazu gehören vor allem die zentralen Bahnhöfe Wiens. Praterstern, Westbahnhof, Franz-Josef-Bahnhof und der Hauptbahnhof sind vor allem nachts Treffpunkt. Was früher der Karlsplatz war, ist heute der Praterstern. Berücksichtigt als Zentrum der Alkohol- und Drogenszene. Seit dem 27. April dieses Jahres gilt neuerdings Alkoholverbot am Praterstern. Betroffen ist das direkte Umfeld Bahnhof und die „Venediger Au“. Ziel wiedermal, die konzentrierte Szene auf die restliche Stadt zu verlagern. Das Problem der Alkohol- und Drogensucht wird durch einen Ortswechsel jedoch nicht verschwinden. 

Im „öffentlichen Raum“ zu nächtigen ist illegal. Auf einer Parkbank mit Isomatte und Schlafsack zu schlafen, kann bis an die 272 Euro Strafe kosten. Weiters sind die Mülleimer so designed, dass man nicht hineingreifen kann. Parkbänke sind durch Metallschienen getrennt, um das Hinlegen zu vermeiden. Außerdem haben viele öffentlich zugängliche Parks mittlerweile Öffnungszeiten, um die sogenannten „Sandler“ fernzuhalten.