Berlin

Tacheles wieder offen

Letzte Woche wurde das Künstlerhaus Tacheles vom Zwangsverwalter ohne Ankündigung abgesperrt. Doch das Oberlandgericht Berlin hat für die Künstler entschieden. Einstweilig



Montag, 26. März 2012. Eine südeuropäische Reisegruppe wird ins Tacheles geführt, etwa eine Busladung. Mit Fotoapparaten in der Hand halten sie die Schwarmformation aufrecht und durchkämmen jeden zugänglichen Raum des verwinkelten Gebäudes. Sie sind zu hören, lange bevor sie zu sehen sind. Wer ihnen auf der Treppe entgegenkommt, hält sich am Geländer fest und wartet, bis sie vorbeigezogen sind. Die Verkäufer von Modeschmuck, Kleidung und Drucken versuchen in ihren Räumen die Ordnung aufrecht zu erhalten. 

Der Polaroid-Fotograf hofft auf Abbildungwillige, die an einer bleibenden Erinnerung um fünf Euro interessiert sind. Die Künstler, die hinter verschlossenen Türen arbeiten, verlassen jetzt ihre Stellung nicht. Normalbetrieb im Tacheles. Dabei wurde das Tacheles erst am Donnerstag vom Zwangsverwalter abgesperrt. Seit der Besetzung des Gebäudes vor 22 Jahren war es zum ersten Mal für Besucher nicht zugänglich. Durch eine einstweilige Verfügung wurde die Sperre des Gebäudes am Samstag wieder aufgehoben.


Das Oberlandgericht Berlin hat die Absperrung als illegal bewertet. Den Bewohnern wäre jeweils ein Schlüssel gegeben worden, sie hätten einen Security um Einlass bitten müssen. Während der Absperrung kam es zu Übergriffen durch Angestellte der Sicherheitsfirma, die das Haus bewacht. Ein Sicherheitsmann wurde von der Polizei abgeführt.

Das Grundstück, auf dem das Tacheles steht, ist der HSH Nordbank (Landesbank Hamburg und Schleswig Holstein) zugefallen. Diese will das Grundstück in bester Lage versteigern. Wären 1990 nicht die Hausbesetzer gekommen, würde die Ruine der Friedrichstaßenpassage nicht mehr stehen und das Grundstück wäre neu bebaut. Vor 22 Jahren hätte das Gebäude, das im Ostberliner Stadtteil Mitte liegt, gesprengt werden sollen. In der Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Doch bereits damals konnte durch Gerichtsbeschluss der Abriss verhindert werden. 


Mittlerweile steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Für den weiteren Erhalt des Gebäudes als Künstlerhaus haben die Betreiber bereits 170.000 Unterstützungserklärungen gesammelt. Sie wurden einen Tag vor der unangekündigten Absperrung Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit übergeben. Die illegale Absperrung wurde von allen großen Berliner Tageszeitungen kritisiert.

Einige Künstler wurden bereits aus ihren Räumen gekauft. Der Betreiber des Café wurde im Vorjahr mit einer halben Million Euro abgelöst. Für das Café, den dazugehörigen Innenhof, das Kino und das Studio 54, wurden insgesamt eine Million Euro Ablöse gezahlt. Die verbliebenen 80 Künstler sind bereit, weiter für ihre Ateliers zu kämpfen und wollen ihre Mietverträge behalten. Die Künstler wollen eine öffentliche Stiftung gründen, die das Haus verwaltet. 

Nachdem die Touristengruppe abgezogen ist, wird es still im Haus und die Künstler trauen sich wieder aus ihren Ateliers. Doch die nächste Touristengruppe wartet bereits vor der Tür. Alles beim Alten im Tacheles. Einstweilig.


Geschichte des Gebäudes

1909 wurde die Friedrichstraßenpassage fertiggestellt.

1943 wurden französische Kriegsgefangene im Haus untergebracht.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Haus nur leicht beschädigt, in der DDR jedoch nicht mehr genutzt. In den achtziger Jahren wurde der Großteil des Gebäudes gesprengt. Am 13. Februar 1990 besetzen es die Künstler des Tacheles e.V., sie konnten die geplante Sprengung der verbliebenen Gebäudeteile am 10. April 1990 verhindern.