Moskau

Die "Naschisten" sind erwachsen geworden

Die Kreml-Jugendorganisation "Naschi" wird aufgelöst


Russland bereitet sich vor - auf Putin 3.0. Offiziell angelobt wird Putin zu seiner dritten Amtszeit als Präsident erst am 7. Mai, aber die Umbauarbeiten haben längst begonnen. Getreu dem Motto "Alles muss sich ändern, damit alles bleibt wie es ist." Eine Organisation, die diesem Umbau zum Opfer fällt, ist die Jugendbewegung "Naschi - Die Unseren". Schon seit Februar wird in den Medien darüber spekuliert und vorige Woche hat Vasilij Jakimenko, der Gründer von Naschi, erklärt, die Geschichte der Bewegung in ihrer derzeitigen Form sei abgeschlossen . Damit geht ein besonders unappetitliches Kapitel der russischen Innenpolitik - zumindest vorläufig - zu Ende.

Gegründet wurde Naschi 2005 offiziell als unabhängige Jugendbewegung, faktisch aber im Auftrag und mit massiver Unterstützung der Kreml-Administration. Der damalige Spin-Doktor Putins, Vladislav Surkov, brauchte eine jederzeit mobilisierbare und vollkommen steuerbare Massenbewegung für den Fall, dass die "orange Bewegung" aus Georgien und der Ukraine nach Russland überschwappen könnte. Naschi sollte einen Aufmarsch der Opposition oder gar ein Zeltlager, wie in Kiew, von den Straßen fegen.


Die Ideologie der neuen Bewegung: Großrussischer Nationalismus, Anti-Westlich, Anti-Amerikanisch, Anti-Liberal. Bis zu 100.000 Mitglieder soll Naschi zur Blütezeit zwischen 2007 und 2009 gehabt haben. Die genauen Strukturen und Geldquellen waren nie nachvollziehbar. Ab 2007 trafen sich Mitglieder von Naschi im Sommer zu einem mehrwöchigen Jugendlager am Seliger-See, einem idyllischen Waldgebiet nordwestlich von Moskau.

Die Idylle der Landschaft stand dabei im scharfen Gegensatz zum Programm: Einer strengen Indoktrinierung der Mitglieder. Bekannt wurde das Seliger-Lager unter anderem dadurch, dass Bilder von Condoleeza Rice und der Menschenrechts-Aktivisten Ljudmilla Alexeevna mit Dartpfeilen beschossen wurden. Auch deshalb bekamen die Mitglieder der Organisation bald den Namen "Naschisten", die lautliche Ähnlichkeit mit "Faschisten" war dabei alles andere als ein Zufall.


Stalking und Übergriffe im Auftrag des Staates

Aktivisten von Naschi waren unter anderem führend an den Aktionen gegen Estland im Jahr 2007 beteiligt, nachdem dort ein Denkmal der Roten Armee aus dem Stadtzentrum verlegt worden war. Menschenrechtler und die Angehörigen ausländischer Botschaften beschwerten sich immer wieder über Stalking durch Naschi, immer wenn russische Interessen angeblich bedroht waren. Naschi agierte dabei meistens gemeinsam mit anderen staatlichen Organen, etwa beim Streit um die Bildungsorganisation British Council im Jahr 2007.

Am Höhepunkt des britisch-russischen Konfliktes um den Tod des Ex-Agenten Alexander Litvinienko bekam die Bildungsorganisation British-Council erst eine außerplanmäßige Steuerprüfung und wurde dann aus dem Land geworfen, begleitet von einer tagelangen Belagerung und einem beinahe-Sturm des Moskauer Büros des British Council durch "Naschisti".


Zu groß und zu selbständig: weg damit

Doch bereits 2009 begann der Niedergang von Naschi. Das Seliger-Lager wurde der staatlichen Jugendorganisation "Rosmolodesch" übertragen, die finanzielle Unterstützung - laut Medienberichten - drastisch gekürzt. Als Konkurrenz wurde außerdem die "Junge Garde" gegründet, die Jugendorganisation der Regierungspartei "Einiges Russland". Die Angst vor einer "Orangen Revolution" war verschwunden. Naschi war in einigen Fällen über die gesetzten Ziele hinausgeschossen und der Führung wohl auch zu groß und selbständig geworden. Und der scheinbar liberale Präsident Dmitrij Medwedew konnte Signale ans Ausland und die Liberalen senden, indem er Naschi die Flügel stutzte.

Als ich vergangenen Sommer das Seliger-Lager besuchte, war von den Naschi tatsächlich nicht mehr viel zu bemerken. An die Stelle einer strikten ideologischen Indoktrinierung, war eine großrussische Belehrungsstunde getreten, eine Mischung aus Forum Alpbach und Pfadfinderlager, zu dem sogar Ausländer eingeladen waren. Einer der Teilnehmer erklärte mir seine Sicht der Welt ungefähr so: Natürlich macht Putin Fehler und dafür werden wir ihn auch kritisieren. Aber Putin ist immer noch der beste Politiker des Landes.


Naschi hat den Kampf gegen die "Nerz-Revolution" verloren

Am Programm des Seliger-Lagers standen zwar immer noch Massenhochzeiten der Teilnehmer - bei unserem Besuch ließen sich 20 Paare trauen - überall hingen riesiege Plakate von Putin und Medwedew und Banner mit Zitaten der Führer: "Nur ein starkes Russland ist auch ein mächtiges Russland" (Putin), "Musik ist mein Leben" (Madonna). Es wirkte immer noch grenzwertig, aber nicht mehr ganz so verrückt wie mir das Kollegen geschildert hatten, die das Lager in den Jahren zuvor besucht hatten, als es noch unter dem Naschi-Regime stattfand.

Das Todesurteil für Naschi waren aber offenbar die Proteste gegen die gefälschten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. Dem kreativen Grass-Roots Protest, der wie aus dem Nichts über Moskau schwappte, hatte die Bewegung fast nichts entgegenzusetzen. Zuerst wurde versucht Moskauer Naschi-Aktivisten gegen die Demonstrationen der "Weißen" zu mobilisieren, doch in den Medien und dem Internet gab es schnell viele Berichte, dass junge "Naschisti" plötzlich ihre Fahnen und Trommeln wegwarfen und die Seite wechselten.


Bei den folgenden Pro-Kreml-Kundgebungen mussten die Teilnehmer aus der Provinz nach Moskau gekarrt werden: Bei der ersten Pro-Putin-Demo neben dem Kreml im Dezember, habe ich mit jungen Frauen aus einem Dorf in der Nähe von Smolensk gesprochen, sieben Autostunden von Moskau entfernt. Und bei Putins Wahlkampfabschluss im Febrauar, habe ich eine ganze Kolonne von Autobussen aus Jekaterinburg im Ural gesehen, fast 30 Stunden von Moskau entfernt. Das Internet ist voller Belege dafür, dass viele Teilnehmer an den Naschi-Kundgebungen nur mit Geld zum Kommen motiviert wurden. 

Auch der Lebensstil des Naschi-Gründers Jakimenko hat im Herbst für einen Skandal gesorgt, als die TV-Moderatorin Ksenia Sobchak ihn in einem der teuersten Lokale der Stadt aufspürte, in dem beispielsweise Vorspeisen ab 25 Euro aufwärts kosten. Wie Jakimenko als einfacher Staatsangestellter sich ein solches Essen leisten kann, wollte Sobchak wissen und erhielt natürlich keine Antwort. Das Video war wochenlang ein Hit auf der Videoplattform Youtube.

Das Ende von Naschi bedeutet nicht das Ende einer agressiven propaganda-orientierten Jugendpolitik des Kreml. Jakimenko wird vermutlich mit der kommenden Regierungsumbildung aus der ersten Reihe der russischen Innenpolitik verschwinden, was und vor allem wer nachkommen wird, ist noch offen. Der "Jungen Garde" ist es bisher auf jeden Fall nicht gelungen, ein eigenständiges Profil zu entwickeln - sofern das überhaupt gewünscht ist. 

Die Führung kann und will es sich auf jeden Fall nicht leisten, die Jugend sich selber zu überlassen. Vor allem am Land und in den kleinen Städten lebt nach wie vor die Tradition der kommunistischen Jugendorganisation "Komsomol", die dort die Rolle von Pfadfindern und der Jungschar gleichzeitig übernommen hat: Die Jugend beschäftigen und nebenbei mit ideologischen Prinzipien vertraut machen. Der Komsomol war auch eine Art "Fahrstuhl" für den sozialen Aufstieg: Der Weg vom Dorf nach Moskau führte über den Komsomol, eine Funktion in der übrigens auch die Naschi recht erfolgreich waren.

Die Frage ist also nicht, ob es eine Nachfolgeorganisation von Naschi geben wird, sondern nur, wie sie aussehen soll. Entsprechend der neuen Ideologie von Putin 3.0 dürfte sie weniger nationalistisch und mehr religiös orientiert sein. Wo und wie sie organisatorisch angesiedelt wird, ist genau so offen wie die generelle Struktur der politischen Herrschaft der nächsten Jahre, neue Organisationen werden auftauchen, neue Namen, neue Personen. Kurz gesagt: Alles wird sich ändern. Bis auf die Tatsache, dass der enge Kreis um Putin weiter die Fäden ziehen wird. 

Und der neue-alte Putin ist nicht zu Scherzen aufgelegt. Der Reporter einer Lokalzeitung Andreij Kolomoiskij hat aus verschiedenen Auftritten Putins dieses Video zusammengeschnitten, in dem Putin scheinbar eine Epoche der leeren Versprechungen, der Erniedrigung und Armut vorhersagt. Kolomoiskij wurde angeklagt, ihm drohen wegen des Videos fünf Jahre Gefängnis. 

Soon we will hold elections to the State Duma that will undoubtedly set the tone for the election of a new president. Our country is already now entering a period of empty promises. Dear friends, we have accomplished much together. Poverty, although moving slowly, is nonetheless experiencing stable growth, and in this case it is very important to guarantee we continue this course. That is why I decided to return to the times of humiliation, dependence and destruction to redraw plans for the development of Russia.

(Danke für die Übesetzung an Brian Whitmore mit seinem Blog "Power Vertical")