Paris

Motivationsspritzen für den Endspurt


Motivationsspritzen für den Endspurt

Noch wenige Stunden bleiben den AnhängerInnen der insgesamt zehn KandidatInnen der Präsidentschaftswahl, um die WählerInnen noch zu überzeugen. Denn um Punkt Mitternacht ist es dann vorbei: Ab dann darf keine Wahlwerbung mehr gemacht werden. Da rund ein Drittel der französischen WählerInnen laut Umfragen noch unentschlossen ist sind dies noch wertvolle Stunden. In der dieser letzten Woche vor der Wahl ist denn auch noch einmal der Wahlkampf in Schwung gekommen, eine Abschlusskundgebung jagte die nächste. 

Den Anfang machten die beiden Favoriten: Nicolas Sarkozy versammelte seine AnhängerInnen am noblen Place de la Concorde in Paris. Francois Hollande wiederum hielt seine Großkundgebung am Château de Vincennes am Rande des proletarischen Ostens von Paris ab. Was folgte war ein kleiner Kundgebungs-Marathon: Am Dienstag sprach die Kandidatin des Front National, Marine Le Pen im Konzertsaal "Zénith", am Mittwoch fand die Abschlusskundgebung der Grünen Eva Joly statt und den Abschluss machte am Donnerstag der Kandidat der Linksfront, Jean-Luc Mélenchon. 


Es ist Dienstagabend und es strömen immer mehr Menschen zum "Zénith", einer Konzerthalle im Norden von Paris. Es ist jener Saal, in dem bereits Serge Gainsbourgh aufgetreten ist oder in jüngerer Vergangenheit Bands wie Green Day, The Chemical Brothers, Marylin Manson, Bryan Adams oder Sting, um nur einzelne zu nennen. Doch an diesem Abend wird man hier mit klassischer Musik begrüßt und mit Massen von französischen Fahnen und Wahlwerbung für Marine Le Pen, die Kandidatin des Rechtsexremen Front National und Tochter von Jean-Marie Le Pen. Auf den Sitzplätzen liegen Flugblätter, ausrollbare Banderolen mit dem Namen Marine Le Pen und Fahnen. 

Während sich der Saal füllt, gehört die Bühne den Vorrednern von Le Pen - es sind auch jene, die den radikalen Part übernehmen, den Marine Le Pen selbst größtenteils auslässt. Denn sie selbst will die "dédiabolisation" des Front National, also die "Entdiabolisierung". Es gebe eine unkontrollierte Zuwanderung, gegen die niemand etwas tue, schimpft Gilbert Collard, Leiter des Unterstützungskomitees von Le Pen. "Es muss erst einer dieser armen Teufel sterben, damit man erkennt, dass unter ihnen Terroristen sind ", sagt er in Anspielung auf die Morde von Toulouse und Montauban. "Damit ist es nun vorbei!" Die ZuseherInnen jubeln und stampfen mit den Füßen auf den Boden. Buhrufe hingegen gibt es jedes Mal, wenn der Name Sarkozy fällt. "Verräter!", ruft hinter mir ein Mann. Und der Name des amtierenden Präsidenten fällt öfter, denn gerade in seinem WählerInnenpool hofft der Front National noch fischen zu können. 


Dann steigt auf einmal die Nervosität im Saal: Marine Le Pen betritt den Saal und erklimmt die Bühne. Als sie dort angelangt ist, kennt der Jubel fast keine Grenzen mehr. "Marine, présidente! Marine, présidente!" wird gerufen, Fahnen geschwenkt, nur noch wenige Menschen sitzen. Ihr Auftritt macht verständlich, warum viele Menschen von dieser Person fasziniert sind. Sie versteht es perfekt, mit dem Publikum zu interagieren, sie punktet mit Humor, Ironie - und mit klaren Ansagen. 

"Ich bin die einzige Kandidatin, die in der Lage ist, die Menschen zu beschützen. Ich bin die einzige Kandidatin der Nation." Sie sei die "exception francaise", die französische Ausnahme, dieser Wahl, der "Pol für die nationale Erneuerung", erklärt sie unter immer tosender werdendem Beifall des Publikums. 

 


Inhaltliche Unterschiede zu ihrem Vater allerdings sind höchstens kosmetischer oder strategischer Natur. Die oftmals rüpelhaften Ansagen ihres Vaters lässt sie aus, doch die Ausrichtung bleibt die gleiche. "Vorrang für die Franzosen der französischen Republik" fordert sie und erntet großen Jubel, gepaart mit dem Geräusch aufstampfender Füße. "Wir leben in einem Land, in dem wir jeden Tag weniger das Gefühl haben, noch bei uns zu sein", erklärt sie. Im Publikum werden Sprechchöre laut, die "Protegez-nous!" oder "On est chez nous" rufen, also "Schützen Sie uns" oder "Das ist unser zu Hause." Ähnlich wie auch die FPÖ verspricht sie mehr direkte Demokratie: Sie werde ein Referendum über all jene Themen machen, "bei denen es wichtig ist, dass die Stimme des Volkes gehört wird", verspricht sie. 

Es gebe einen Zusammenhang zwischen der Zuwanderung und der anti-sozialen Politik in diesem Lande, meint sie. Und sie weist zurück, dass ihre Positionen rassistisch sind: "Wir sind keine Rassisten, sondern passionierte Frankophile." Auch hier ist ihr der Jubel sicher. Ihre Gegner: MigrantInnen, die Finanzwelt, Sarkozy und die Arbeitgeber, die das Arbeitsrecht unterwandern wollen - und die anderen KandidatInnen für die Wahl: "Ich nenne sie nicht Konkurrenten, denn sie sind meine Gegner."

 


Während sie spricht, wird es immer heißer im Saal und die Atmosphäre unter ihren AnhängerInnen immer euphorischer. Denn sie will schaffen, was ihrem Vater vor fast zehn Jahren gelungen ist: In die Stichwahl der Präsidentschaftswahl zu kommen. Die Umfragen widersprechen dem zwar dieses Mal, doch das war im Jahr 2002 auch der Fall - Grund genug also für Marine Le Pen und ihre AnhängerInnen, noch an die große Überraschung zu glauben. Ob sie gelingt, wird sich am Sonntag zeigen, sicher aber ist, dass mit dem Front National nun wieder zu rechnen ist. Gerade unter den jungen WählerInnen findet der Front National viel Zustimmung. 

Die Wahlkampfveranstaltung endet und aus dem Zénith strömen begeisterte AnhängerInnen. Wie die anderen AnhängerInnen, die diese Woche noch aus anderen Sälen strömen werden, haben auch sie sich noch eine letzte Motivationsspritze für den verbleibenden Wahlkampf geholt. Noch in der U-Bahn sind "Marine, Présidente"-Sprechchören zu hören, eine Frau mit Kopftuch erntet feindselige Blicke und als sie wenige Stationen später mit ihrem Mann aussteigt, wirkt es mehr wie eine Flucht. 

  • @Sonja Fercher
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Mittwochabend im 11. Pariser Arrondissement. Die Grünen haben in den Cirque d´Hiver zur Abschlussveranstaltung ihrer Kandidatin geladen: Die frühere Untersuchungsrichterin Eva Joly, die in Norwegen geboren ist und sich wegen ihres sehr nüchternen Wahlkampfstils viel Kritik gefallen lassen musste. Langsam tröpfeln die AnhängerInnen herein, vor der Tür gibt es Stände, bei denen man Sandwiches mit den hier beliebten Würsten "Merguez" oder mit Kebab erstehen kann. FeministInnen verteilen Flugblätter, am Eingang werden den ZuseherInnen Fahnen in die Hand gedrückt. AnhängerInnen tragen T-Shirts mit der roten Brille von Joly, die fast schon zum Symbol der Kampagne geworden ist und in der letzten Wahlkampfphase durch eine grüne Brille ersetzt wurde.  

So weit, so professionell. Drinnen jedoch wirkt alles fast ein wenig improvisiert, im Hintegrund läuft leise Musik - Björk: Nicht unbedingt geeignet, für gute Stimmung zu sorgen. Der Zeitpunkt, an dem die Reden angekündigt sind, ist schon vorbei, im Publikum wird fordernd geklatscht. Als Eva Joly, begleitet von Größen der Partei, einzieht, hebt sich die Stimmung. Eingeleitet wird ihr Auftritt von einer kämpferischen Rede des Dany Cohn-Bendit, der die Stimmung anheizt und den etwas holprigen Anfang schnell vergessen lässt. 


Auch hier heißt es "On est chez nous", doch ist das "nous" im Grünen Verständnis deutlich vielfältiger: In ihrer Rede zählt Joly verschiedene Regionen von Frankreich auf, kommt auf die verschiedenen Communities ironisch mit geläufigen Schimpfworten zu sprechen zu beendet ihre Aufzählung mit den "NorwegerInnen in den Wechseljahren". Das Publikum ist begeistert. 

Es ist fast schon ein humorvoller Wahlkampfauftritt, ironisch zählt sie ihre eigenen Defizite auf. Sie habe nun einmal eine dünne Stimme, einen starken Akzent, könne nun einmal nicht lügen und die Massen nicht mitreißen, erklärt sie - unter Protest ihrer AnhängerInnen: "Wir lieben Dich!", ruft ihr einer von ihnen zu. Der einzige Fehler, den sie bereue, sei ihr Treppensturz vor wenigen Wochen gewesen, meint sie augenzwinkernd. 

 


Sie weigere sich, sich dem "Diktat der Emotionen" zu beugen, deshalb habe sie ein alternatives Budget vorgestellt und versucht, Inhalte in den Wahlkampf einzubringen. Und sie weigere sich zu akzeptieren, dass Politik eine Sphäre sei, die jenen vorbehalten sei, die aus bestimmten Zirkeln kommen, in bestimmte Schulen gegangen sind und nur in bestimmten Kreisen verkehren. "Politik darf nicht von einer in sich abgeschlossenen Kaste gemacht werden." 

Die Kampagne sei rüde gewesen, nicht nur bezogen auf ihre Person, meint sie: Die Ökologie sei zum Problem erklärt worden, zu einer Träumerei, die ohnehin nicht finanzierbar sei. ”Die Ökologie aber ist die Lösung!", ist sie überzeugt. Ökologie, Ausstieg aus der Atomenergie, vereinigte Staaten von Europa, respektvolles Zusammenleben, Gerechtigkeit, funktionierendes Gesundheitswesen: So lauten grob zusammengefasst einige ihre Themen.

 


Für bewundernde Zustimmung sorgte Joly, als sie Amtsinhaber einmal mehr frontal angriff: Am Ende wird sich herausstellen, dass die Ära Sarkozy nichts anderes gewesen sei als ein "großer Schwindel, ein reaktionärer Betrug, ein Machtmissbrauch." Es ist eine schwierige Abschlusskundgebung, immerhin ist nicht davon auszugehen, dass es Joly mit den laut Umfragen prognostizierten zwei Prozent in die Stichwahl schafft. Der Blick der Grünen richtet sich insofern auch schon so langsam auf die Parlamentswahl, die im Juni stattfindet und die wohl besser für sie ablaufen wird - und für die auch das Abschneiden von Eva Joly von Bedeutung ist.

Weil man außerdem den Umfragen nicht ganz trauen will und auf ein besseres Ergebnis hofft, lautet denn auch der Aufruf: Wählt Joly, damit die Grünen bei einer etwaigen Beteiligung an einer linken Regierung Druck auf die Sozialistische Partei ausüben und ihre Inhalte besser unterbringen können. Vergnügt verlassen die AnhängerInnen den Cirque d´Hiver, auf dem Weg werden ihnen noch Flugblätter in die Hand gedrückt, auf dass sie noch zu Hause, an ihrem Arbeitsplatz, bei ihren FreundInnen Wahlwerbung machen. 

  • @Sonja Fercher
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Es ist Donnerstagabend und schon eineinhalb Stunden vor dem offiziellen Wahlkampfauftritt des Kandidaten der Linksfront, Jean-Luc Mélenchon, sollen sich bereits die ersten AnhängerInnen im Messepalast im Süden von Paris eingefunden haben. "JLM plaudert mit den ersten Gästen", geht ein Tweet vom Account von Mélenchon ab. Eine Stunde vorher, um 18 Uhr, sind in der Straßenbahn auf dem Weg dorthin bereits einige rote Fahnen der Kommunistischen Partei zu sehen und an der Porte de Versaille dann ist an den vielen mit roten Fahnen ausgerüsteten Menschen unübersehbar, dass hier eine Wahlkampfkundgebung einer linken Partei stattfindet. Vor dem Eingang verteilen Palästina-Komitees Flugblätter, es gibt Essensstände, Plakate und Fahnen der Linksfront werden unter die Leute gebracht und am Eingang spielt eine Big-Band. 

Die Halle füllt sich beständig, auch drinnen gibt es Fahnen und es werden Schilder mit der Forderung nach der "6. Republik" verteilt. Es läuft Musik und die Gäste unterhalten sich unter anderem darüber, ob Mélenchon es vielleicht sogar in die Stichwahl kommen könnte. Das Publikum ist bunt gemischt und vor allem sind hier viele junge Menschen. "Um 19 Uhr soll er kommen, bis dahin hören wir Musik und reden", meint einer von ihnen zu einer Freundin. In einer Ecke wird die Internationale angestimmt, als "Bella Ciao" gespielt wird, singen einzelne mit.


Um kurz nach 19 Uhr besteigen die VorrednerInnen die Bühne, allesamt sehr bewegt von diesem für viele erstaunlich gut gelaufenen Wahlkampf. Es ist vielen anzumerken, wie erleichtert sie sind, dass jene Zeiten vorbei zu sein scheinen, in denen die Kommunistischen KandidatInnen im einstelligen Bereich lagen. Im Moment halten es manche sogar für möglich, dass der charismatische Kandidat Mélenchon Le Pen den dritten Platz streitig macht. 

Als Mélenchon die Bühne betritt, kennt der Jubel fast keine Grenzen. Es ist interessant, diesen Politiker zu beobachten. Seine Rede beginnt launig und humorvoll, um dann wütend zu werden. Wütend auf jene, die ihm nicht geglaubt haben, als er vor den negativen Konsequenzen der EU-Wirtschaftspolitik gewarnt hatte, und die ihn zum Spinner erklärt haben. Wütend auf jene, die seine Forderung nach einem Mindestlohn von 1.700 als illusorisch abtun - wo doch in diesem Land Menschen leben, die schon Mitte des Monats nicht wissen, wie sie bis zum Monatsende mit ihrem Geld durchkommen sollen. Wütend auf jene, die Menschen gegeneinander ausspielen. "Ich habe die Schnauze voll vom Gerede von der Integration der dritten Generation. In diesem Land isst jeder Merguez und Couscous", sagt er und sorgt damit für großen Jubel.

 


Mit dieser kämpferischen Wut scheint er ein Gefühl von vielen Menschen zu kanalisieren. Aber auch jenes Gefühl oder vielmehr jene Hoffnung, die sich in dem Satz "eine andere Welt ist möglich" ausdrückt. Er will "l´humain", das "Menschliche" wieder in den Vordergrund stellen, die Wirtschaft soll wieder eine menschliche Sprache spricht und nicht jene der Buchhalter. Der ist nicht nur wütend, immer wieder wird er auch poetisch. "Habt Geduld, meine Freunde, der Tag ist angebrochen. Dieses System liegt in den letzten Zügen", ruft er seinen AnhängerInnen zu. Diese hätten bereits einiges bewegt und den sozialistischen Kandidaten Francois Hollande unter Druck gesetzt, so dass er auch das Thema Mindestlohn aufgegriffen habe - wenn auch noch zu zurückhaltend, für Mélenchons Geschmack.

Deshalb sein Aufruf. noch mehr Lärm zu machen, noch mehr Druck auszuüben. Als sich Mélenchon bei seinen AnhängerInnen für ihr Engagement bedankt, jubelt der Saal. "Wir kommen in die Stichwahl", ruft ein Anhänger. Und wie es so üblich ist bei den Treffen, wird nicht nur die Marseillaise gesungen, sondern auch die Internationale. In Massen strömen die nun noch ein letztes Mal motivierten AnhängerInnen wieder aus der Halle und quetschen sich in Busse, Metros und Straßenbahnen.

  • @Sonja Fercher
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