Analyse

Gebrauchsanweisung

Über Adorno, ein paar seiner Gedanken. Und die Frage nach seiner Alltagstauglichkeit.


Ein Essay ist eine Schlampe. Essays machen einfach nur die Beine breit. Was auch stimmt – in gewissen Maßen bestimmt. Ein Essay ist der Form nach ein Versuch, ein geistiges Experiment, dem über die Schulter zugesehen werden kann, wie es entsteht.

Es gibt keine wirkliche Grenze zu einer wissenschaftlichen Abhandlung, die eine klare Aussage oder Position verfechtet. Man kann ebenso in einem Essay einen dedizierten Standpunkt einnehmen. Aber die Gedanken auf dem Weg dorthin sind oft wichtiger als die Feststellung. Diese Kunstform war und ist als Kritik einer geistigen Schule oder Haltung entstanden und zu verstehen. Ein französischer Philosoph, Michel de Montaigne, entwickelte eine Textform, um vor allem gegen eine starre dogmatische Wirklichkeitserfassung, der Scholastik, entgegen zu wirken. Ein anderer wichtiger Philosoph, Theodor W. Adorno, liebte ein paar Jahrhunderte später diese Erfindung. Durch seine Offenheit ist ein Essay an sich schon eine Kritik an Aussagen, die totalitär gleich bestimmen wollen was beispielsweise Erkenntnis, zu sein hat. Auf eine kurze Formel herunter gebrochen: Was da steht, ist so und hat so zu sein. 

Wir denken mit Sprache

Adorno wird oft in einem Begriff mit erwähnt: der Postmoderne. So wie Foucault und Jaques Derrida zum Beispiel. Die Postmoderne ist eine formulierte Verunsicherung gegen Wissenschaften und Lehren, die versuchen eine Welt in klare erklärbare Strukturen zu katalogisieren. Man kann sie als Skepsis gegenüber des Fortschrittsoptimismus der Aufklärung sehen. Im zwanzigsten Jahrhundert hatte sie ihren großen Auftritt. Sie stürzte sich auf so ziemlich jedes Gebiet: Kunst, Wissenschaft, Politik. Überall war sie anzutreffen. Was auch unter das suchende Mikroskop der Philosophen gerückt wurde, war ein fundamentales Areal unseres Denkens, die Sprache. In der Sprache fand man ein System, das den Menschen unterdrücken und manipulieren kann. Nicht, weil ein böser Diktator von seinem futuristischen Büro aus Gedankenkondensatoren bedient. Sondern die Sprache als Kommunikationselement des Menschen ist selbst Teil unserer Wahrnehmung. Wir denken also auch mit ihr. Und, um aus alten marxistischen Mantras zu zitieren, weil das Sein das Bewusstsein bestimmt, wird auch die Sprache mit beeinflusst. Adorno glaubte, dass die Sprache durch die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse quasi geprägt sei. Ein wenig von Klassenkampf war auch beigemengt.

Durch diese Strukturen würde unsere ganze Art zu denken vorgebaut. Aber nicht nur durch die Gesellschaft, sondern auch durch die Sprache an sich. Das ging schon so weit, dass er auch meinte, eine bloße Teilnahme an der üblichen alltäglichen Kommunikation würde die manipulativen Kräfte, die der Sprache inne wohnen, auch den herrschenden Verhältnissen unter die Arme greifen. Eine Kritik in diesen Systemen abgefasst, scheint nicht möglich. Das wäre so, als würde ein Typ auf LSD eine Charta der Menschenrechte schreiben. Vielleicht hat er zwei, drei gute Gedanken zu dem Thema. Aber schauen Sie dabei zu, was er aufführt. Also ein blinder Mensch, der versucht das Sehen zu beschreiben. Ja, das ist ein guter Vergleich. Besser als der erste.

Mama, Auto und Tintenfisch

Um zu sprechen, müssen wir Worte verwenden. Dafür wird das zu Besagende in Begriffe und Kategorien eingeteilt. Mama, Auto, Tintenfisch. Die Dinge bekommen Etikette, um dann diese zu artikulieren. Da liegt der Hund begraben. Weil die Begriffe nicht die Wirklichkeit wiedergeben können. Das Wort Freiheit wird in vielen Arten unterschiedlich gebraucht, obwohl es nur eine Bedeutung haben sollte. Das Wort ist nicht gleich der Gegenstand. Warum das oft so schwer zu verstehen ist (neben dem Fehlen von Türmen voller Sekundärliteratur), ist die Vertrautheit mit der Sprache im Alltag gebraucht wird.

So, war das jetzt irgendwie verständlich??

Bei Texten der Postmoderne knallt man des öfteren gegen eine Mauer der Abstraktion. Manche wollen ihre Thesen von solchen Abstraktionen verschleiert wissen, um sich eben von dem normalen Sprachdiskurs abzusetzen. Keine klassischen Textformen verwenden, um neue Perspektiven zu eröffnen. Bei Adorno ist das auch der Fall. Ob das gut oder schlecht ist, soll gar nicht die Frage sein. Aber manchmal scheint es doch so, als wollten sie das alte Klischee des weltfremden Philosophen zu neuem Ruhm führen. Adorno meint, dass sich gerade in der bildenden Kunst, mit ihren Plastiken und Gemälden, also schlicht ihren Kunstwerken, die Möglichkeit einer Kommunikation außerhalb der Sprache finden lässt. Hier wäre die Anmerkung anzubringen, dass vielen Sprachskeptikern die Allmacht der Sprache bewusst ist, aber ihnen kein Gegenmittel einfällt. Theoretiker wie Adorno wollen zwar den Menschen aus der Sprache herausreißen, wissen aber keine Alternative. Auch bei der Kunst zeigt sich diese Alternativlosigkeit. Sprache ist schlecht, aber keine zu verwenden ist unmöglich. 

So, was machen wir, wir also die Menschen? Adorno schreibt eine Kritik an dem System, scheitert an der Formulierung, weil diese ja in einer Sprache abgefasst werden würde. Aber wie befreie ich mich? Das System wird zwar kritisiert, aber felsenfest steht da nirgendwo, wie man das besser machen soll. Wie bestelle ich mir eine Pizza? Wie lade ich Freunde in ein Kino ein? Lebt man in einer Utopie ohne Pizza und Filme? Vielleicht ja, vielleicht nein. Nur vegan? Und wie lese ich die Sportergebnisse in einer Zeitschrift oder Website, wenn diese dazu dienen, meine ureigene Subjektivität mit Strukturen zu zerbröseln, die ich nicht durchschaue? Adorno gibt keine Antwort darauf. Das bleibt so im Dunklen. Aber nicht nur bei Adorno ist das so. In vielen anderen Texten ist der Tatbestand ein ähnlicher. Kaufen Sie einmal auf einem Flohmarkt ein Buch von Jaques Lacan. Über Alltagstauglichkeit wird sicher auch nur schwerlich etwas zu lesen sein. Eine Gebrauchsanleitung wäre hilfreich.  

Aber zum Abschluss gibt es noch eine Einladung: Sollten Sie irgendwo, irgendwann, praktische Anleitungen zu diesem Thema finden, schreiben Sie bitte einen Kommentar. Danke!


  • (c) S.R. Ayers