Reportage

„Fucking Hipster“

Neue Stadt, neues Glück – ich bin in Hamburg und auf der Suche nach Arbeit, Geld und einem Platz zum Schlafen. Meine Suche beginnt in den Einkaufsstraßen der Hansestadt.


Die Haare habe ich seit Tagen nicht mehr gewaschen, morgens war ich eine Runde im Stadtpark laufen und habe davor kein Deo aufgetragen bzw. danach nicht geduscht und der Bart wächst seit mehreren Wochen. Außerdem trage ich meine ältesten Jeans, die von der Arbeit in einer Fabrik verdreckt und zerrissen sind, ein weißes schmutziges Feinripp-Unterhemd und eine stinkende Trainingsjacke. Meine Schuhe waren einmal schwarz, wurden aber mittlerweile so oft gewaschen, dass sie nun braun und vollkommen durchlöchert sind.

Ich schäme mich, als ich den Wagon der U3 besteige, um ins Zentrum Hamburgs zu kommen, um dort in der Einkaufsstraße Mönckebergstraße und den Alsterarkaden um Geld zu betteln. Die Menschen scheinen mich aber gar nicht zu bemerken. Ihre Blicke gehen an mir vorbei oder gar durch mich hindurch. Erst als ich an der Station „Rathaus“ aussteige, scheinen zwei junge US-Amerikanerinnen Notiz von mir zu nehmen. Ich gehe an ihnen vorbei Richtung Ausstieg und sehe wie sie mich mustern und höre, dass die Eine zu der Anderen, „fucking hipster“, sagt.

Teure Einkaufsmeilen

Vor einem Bekleidungsgeschäft in der Mönckebergstraße beziehe ich Stellung. Da ich mir nicht sicher bin, ob mich die Verkäuferinnen verscheuchen werden, setze ich mich nicht direkt vor das Schaufenster, sondern suche den Schutz des Mauerwerks um ihren Blicken nicht ständig ausgeliefert zu sein. Ich hocke mich im Schneidersitz hin und stelle einen Karton mit der Aufschrift „Bitte um eine Spende. Habe Hunger und kein Geld.“ vor mich, außerdem noch einen kleinen Teller für die zu erwartenden Münzen.

Ich habe freien Blick auf eine Anzeige, die über einer Apotheke hängt und laut der die Temperatur 18 Grad beträgt. Der Boden fühlt sich trotzdem kalt und feucht an. Dieselbe Anzeige signalisiert mir auch, dass ich bereits eine Stunde am Gehsteig sitze, ohne dass etwas passiert. Die meisten Leute ignorieren mich und gehen an mir vorbei. Dann endlich beugt sich eine ältere Dame zu mir herab, lächelt mich an und legt 50 Cent auf meinen Teller. Ich freue mich so unglaublich darüber und versuche es ihr auch zu zeigen. Darum bedanke ich mich so überschwänglich, dass man meinen könnte, ich bin wirklich auf diese Spende angewiesen.

Es scheint so, als ob mit der ersten Münze der Bann gebrochen ist. Nach und nach geben mir die Passanten ihr Kleingeld und das obwohl ich mich noch nicht traue, sie aktiv anzusprechen. Ohne mein Zutun kommt auch Ali auf mich zu. Er arbeitet in einem Imbiss und bringt mir ein Stück Pide. Als ich ihm wenigstens ein paar Centstücke dafür geben will, verfinstert sich sein freundliches Gesicht. „Hayir, nein, du brauchst es“, sagt er zu mir und gibt mir die Hand. Nach dieser Stärkung und vier Stunden in der Mönckebergstraße beschließe ich den Standort zu wechseln.

  • Bettler in der Nähe vom Rathaus
  • Geldteller
  • Mönckebergstrasse
  • Mein Schild und Teller

„Geh doch arbeiten“

In den Alsterarkaden sind viele Menschen unterwegs um einzukaufen, aber auch hier bemerkt man mich anfangs scheinbar nicht. Nach einer Weile beschließe ich, die Leute anzusprechen und nach Geld zu fragen. Doch auch darauf gibt es wenige Reaktionen. Erst der Zehnte oder Elfte, den ich anbettle, reicht mir einen Euro. Dann kommt ein junger Mann auf mich zu und sieht recht verärgert aus. „Was sitzt du hier rum!? Geh doch arbeiten, du bist jung und siehst gesund aus“, schreit er mir entgegen. Ich bin etwas perplex, da die Leute bisher positiv oder gar nicht auf mich reagiert haben. Ich erkläre ihm, dass ich gerne arbeiten würde, aber leider keine Arbeitsstelle finde. Erstaunlicher Weise hört er mir sogar zu. Nach kurzer Zeit nimmt er einen Zettel und einen Kugelschreiber in die Hand und schreibt eine Nummer darauf. „Wenn du wirklich arbeiten willst, kannst du ja hier anrufen“, sagt er, drückt mir den Zettel in die Hand und geht.

Da ich über diese seltsame Begegnung nachdenke, bemerke ich gar nicht, wie sich der Teller vor meinen Beinen immer weiter füllt. Ich besinne mich wieder auf meine Umgebung und spreche noch einige Menschen an. Nach weiteren vier Stunden beschließe ich, dass es genug für einen Tag ist. Langsam gehe ich Richtung U-Bahn und zähle meine Münzen. Es sind 11,78 Euro und fünf norwegische Kronen.

 

 

Die Reise geht weiter. Unser Redakteur wird die Nummer auf dem Zettel anrufen. Fortsetzung folgt.


Fotos: (c) Harald Triebnig