Reportage

Auf der Flucht aus Pakistan

In Afghanistan herrscht Krieg, aber auch die Zahl der Flüchtlinge aus Pakistan stieg in den letzten Jahren an. Warum verlässt jemand sein Land und begibt sich auf eine gefährliche Flucht in eine unsichere Zukunft?


Ein besseres Leben

Rund 5.500 Flüchtlinge aus Pakistan haben in den letzten zehn Jahren in Österreich um Asyl angesucht. Nur rund ein Prozent von ihnen haben in Österreich auch Asyl bekommen. Im Vergleich dazu das Nachbarland Afghanistan: Von 18.300 afghanischen Flüchtlingen bekamen 40 Prozent eine Aufenthaltsgenehmigung. 

Aus Afghanistan kommen nicht nur Männer und Frauen, sondern auch ein überdurchschnittlich großer Anteil an minderjährigen Kindern nach Österreich, während es aus Pakistan fast ausschließlich junge Männer sind, die um Asyl ansuchen. Beide Länder, Pakistan und Afghanistan, sind in den Krieg gegen die Taliban verwickelt. In Afghanistan kämpft eine von den USA angeführte Koalition aus 47 Staaten mit rund 100.000 Soldaten einen Krieg gegen den Terror. Die Schattenseite dieses Krieges liegt in Pakistan. Die Armee hat sich aus vielen Gebieten zurückgezogen, während die USA ihre Angriffe mit Drohnen verstärkt haben. 

Der Krieg verlagert sich und mit ihm die Flüchtlingsströme aus diesem Gebiet. Mehr Menschen als je zuvor fliehen aus den Grenzregionen, um in anderen Teilen Pakistans Schutz zu finden. Laut UNHCR sind rund 750.000 Pakistani Flüchtlinge im eigenen Land. Dazu kommen 1.6 Millionen Afghanen, die nach Pakistan geflohen sind. Einige verlassen das Land und wagen eine gefährliche Flucht mit ungewissem Ausgang, um ein besseres Leben zu finden.

Anzahl der Asylanträge pakistanischer (gelb) und afghanischer (blau) Flüchtlinge in Österreich.

Ein unruhiges Land

Krieg, Katastrophen, Verfolgung – in Pakistan sind sie inzwischen im ganzen Land angekommen. Die westlichen Grenzregionen zu Afghanistan, FATA (Federally Administered Tribal Agencies) - im Deutschen meist als Stammesgebiete bezeichnet - sind zu einem Gebiet geworden, in dem die pakistanische Regierung kaum Einfluss hat. Bewaffnete Gruppen und Stämme beherrschen die Region. Das Militär hält sich von dort fern, vereinzelte Stützpunkte sind zu Festungen ausgebaut, die Straßen sind gefährlich. Die unterschiedlichen Gruppen definieren sich über ihre ethnische, religiöse oder politische Zugehörigkeit. Oft sind sie miteinander verfeindet und seit Jahrzehnten in blutige Konflikte verwickelt. 

Die nördliche Provinz, Khyber Pakhtunkhwa, ist zu einer Machtbasis der Taliban mutiert. Als die Rückzugsgebiete in Afghanistan nach dem Jahr 2001 unsicher wurden, überrannten sie die Provinz und standen 2009 nur noch 100 Kilometer vor der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Ein Großteil der bewaffneten Gruppen konnte in der Folge wieder zurück gedrängt werden. Geblieben ist eine extrem fundamentalistische Auslegung des Islam: Viele Schulen wurden nicht wieder eröffnet, Frauen verschwanden aus der Öffentlichkeit, politische Gegner werden verfolgt. So gut wie alle Flüchtlinge aus Pakistan, die in Österreich um Asyl ansuchen, kommen aus diesen Teilen des Landes. 

In der südwestlichen Provinz Belutschistan sind die bewaffneten Konflikte noch brutaler als in der FATA. Dem Westen ist diese Gegend aber vor allem durch Naturkatastrophen bekannt. Über 300.000 Menschen waren vom letzten Erdbeben, im September 2013, betroffen.

Doch nicht überall in Pakistan herrschen Angst und Schrecken: In der östlichen Provinz Punjab ist es vergleichsweise friedlich. Die Hauptstadt der Provinz, Lahore, ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Pakistans. Die Netzwerke der radikalen Gruppierungen, unter ihnen die Taliban, reichen aber auch bis in die großen Städte Lahore und Karachi. Wer die Flucht hierher geschafft hat, kann sich trotzdem nicht sicher fühlen.

Auf dem Weg nach Europa

Die größte Stadt Pakistans, Karachi, ist der Ausgangspunkt für alle Flüchtlinge. Hier haben die Agenten für die Schlepperrouten ihre Büros, von wo aus sie die einzelnen Etappen koordinieren und das Geld verteilen. Viele fliegen nach Kuala Lumpur oder Jakarta und versuchen von dort mit dem Boot kleine Inseln zu erreichen, die zu Australien gehören. Flüchtlinge, die nach Europa aufbrechen, besteigen hier einen Jeep oder LKW und fahren an die iranische Grenze. (zum Lesen auf die Punkte in der Karte klicken)

„Als Flüchtling im Sinne dieses Abkommens ist anzusehen, wer: sich infolge von vor dem 1. Jänner 1951 eingetretenen Ereignissen aus wohlbegründeter Furcht, aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder der politischen Gesinnung verfolgt zu werden, außerhalb seines Heimatlandes befindet und nicht in der Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, sich des Schutzes dieses Landes zu bedienen; oder wer staatenlos ist, sich infolge obiger Umstände außerhalb des Landes seines gewöhnlichen Aufenthaltes befindet und nicht in der Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, in dieses Land zurückzukehren.“

Art. 1 Abschnitt A Z 2 Genfer Flüchtlingskonvention

Asyl in Österreich

Das Bundesasylamt und das Bundesasylgericht müssen in Österreich darüber entscheiden, ob die Umstände in einem 5000 Kilometer entfernten Land Asylgründe nach österreichischem Recht sind und stehen vor der Aufgabe, persönliche Schicksale mit objektiven Asylkriterien abzugleichen. Was die Öffentlichkeit über Pakistan und die Lebensweise, die Freiheiten und Zwänge der Menschen weiß, erfährt sie von Menschen und Medien, die nur oberflächlich in diese Sphären vordringen: Zu gefährlich, zu undurchdringlich sind die Verhältnisse.

Bei der Einschätzung der Situation hilft den Beamten und Richtern eine umfangreiche Datenbank mit Berichten des Außenministeriums, der Botschaft und ihrer Außenstellen, Lageberichten von NGOs und verschiedener UNO-Organisationen, die im Land tätig sind und einen besseren Zugang und ein besseres Verständnis der Lage haben. Das Bundesasylamt entsendet auch Fact Finding Missions, die versuchen, ein möglichst wahrheitsgetreues Bild der Lage zu zeichnen.

Politische Verfolgung

Tanveer Hussain* erklärt in seinem Asylantrag, dass er persönlich von den Taliban verfolgt wurde und deshalb aus seinem Heimatdorf im Swat-Tal, einer Region im nordwestlichen Pakistan, fliehen musste. Er war in einer säkularen Partei aktiv und setzte sich dafür ein, dass auch Mädchen zur Schule gehen können. Als die Taliban die Region unter ihre Kontrolle brachten, wurde er zum Feind und musste fliehen. Weil er befürchtet, auch in anderen Städten nicht sicher zu sein, flieht er im Jahr 2009 aus Pakistan.

Gezielte Morde sind in Pakistan zum Alltag geworden. Gleichzeitig ist es schwer festzustellen, ob diese von politisch oder religiös motivierten Gruppen ausgeführt werden. Eine Fact Finding Mission des Bundesasylamts im Juni 2013 kommt zu einem ähnlichen Schluss wie Tanveer Hussain, wonach eine Flucht vor Verfolgung durch die Taliban im Land nicht möglich ist und im einzelnen Fall beurteilt werden muss.

  • Wie in Afghanistan wurden auch im Swat-Tal Jahrhunderte alte Buddha-Statuen von den Taliban zerstört. Der Kopf dieser Statue wurde 2009 gesprengt. (Foto: Stambula)
  • Blick über das Swat-Tal (Foto: Stambula)
  • Mingora, die Hauptstadt des Tals, aus der Tanveer Hussain stammt. (Foto: Stambula)

Innerstaatliche Fluchtmöglichkeit

"Vor dem Hintergrund der weiten geographischen Reichweite einiger bewaffneter militanter Gruppen, wird realisierbarer interner Schutz grundsätzlich nicht für Personen in Betracht kommen, die gefährdet sind, von diesen Gruppen verfolgt zu werden. Die operativen Kapazitäten einiger militanter Gruppen […] reicht weiter über die FATA oder die Provinz Khyber Pakhtunkhwa hinaus, wie durch einige schwerwiegende Angriffe, wie beispielsweise Selbstmordattentate im ganzen Land, insbesondere in städtischen Zentren gezeigt wurde."

UNHCR-Richtlinien zur Feststellung des internationalen Schutzbedarfs von Angehörigen religiöser Minderheiten aus Pakistan.

Entführung

Abid Shah* erzählt von seiner Entführung durch die Taliban: Eine Gruppe Männer lud ihn in ein Gebetshaus ein. Als er einige Tage später dorthin ging, wurde er gegen seinen Willen nach Rawalpindi gebracht, und von dort in ein Trainingscamp südlich des Swat-Tals. Dort sollten junge Männer, die meisten waren wie er entführt worden, zu Kämpfern ausgebildet werden. Abid Shah nennt es Gehirnwäsche. Ihm gelingt die Flucht über eine hohe Mauer. Ein Taxifahrer, der zufällig vorbeikommt, nimmt ihn mit und hilft ihm, nach Hause zurück zukehren. Dort kann er allerdings nicht bleiben. Die gleichen Männer, die ihn zuvor in das Gebetshaus eingeladen haben, beobachten sein Haus und haben inzwischen auch seinen Bruder entführt. Die Familie beschließt seinen Bruder freizukaufen und beide nach Europa zu schicken.

Abid Shahs Geschichte ist nur ein Beispiel für etwas, dass in ganz Pakistan nichts Ungewöhnliches ist: Kidnapping. Geht es meistens einfach darum, Lösegeld von den Familien zu erpressen, sind Entführungen aber auch zu einer Rekrutierungsmethode der Taliban geworden. Junge Männer werden entführt und in Lager gesteckt, wo sie indoktriniert und für den Kampf oder für Anschläge ausgebildet werden.

Religiöse Verfolgung

Saad Turi* gehört der religiösen Minderheit der Schiiten an. Die Mehrheit in Pakistan, fast 80 Prozent, sind Sunniten. In Saads Heimatstadt, Parachinar in der Grenzregion zu Afghanistan, stellen die Schiiten jedoch die Mehrheit. Der Turi-Clan, dem auch Saad angehört, ist einer der wichtigsten schiitischen Stämme in Pakistan. Seit Jahrzehnten befindet sich dieser mit sunnitischen Stämmen und seit 2006 mit den Taliban in einem kriegerischen Konflikt.
Saad erzählt von der Auseinandersetzung mit den Taliban. Ab 2006 drangen Kämpfer aus Afghanistan in die Gegend um Parachinar ein und versuchten die Kontrolle zu übernehmen. Nachdem sein Haus zerstört und einige seiner Familienmitglieder getötet worden waren, flüchtete er.

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Ein detaillierter Bericht des ACCORD (Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation) geht nach Anfrage des Bundesasylamts auf die Situation in der Region rund um Parachinar ein. Laut dem Bericht wurden 2012 rund 60.000 Menschen durch Kämpfe vertrieben, die auch 2013 weiter gingen. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der Sicherheitsoperationen und Anschläge innerhalb der FATA und der Provinzen Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan keine interne Fluchtalternative gegeben ist, eine Abschiebung dorthin nicht in Betracht zu ziehen ist. 

Der Staat als Feind

Dass auch der Staat eine Gefahr für die Menschen sein kann, erzählt Ameer Nawaz*. Während eines schweren Erdbebens in seiner Heimat Kaschmir im Oktober 2005 wurde er verletzt, er engagierte sich in der Folge jedoch im Wiederaufbau bei Projekten, die von westlichen Hilfsorganisationen geleitet wurden. Weil ihn der pakistanische Geheimdienst ISI wegen dieser Zusammenarbeit verdächtigte, ein Spion zu sein, sperrten sie ihn monatelang ein. Als er freigelassen wurde, hatte sich sein Gesundheitszustand stark verschlechtert, da seine Verletzungen nie richtig behandelt worden waren. 
2011 nimmt er an Studentenprotesten gegen den Geheimdienst teil. Fälle, wie die von Ameer, in denen Menschen vom Geheimdienst grundlos eingesperrt worden waren, hatten sich gemehrt und die Studenten aufgebracht. Kurze Zeit später durchsuchen ISI Agenten sein Haus, finden ihn aber nicht, weil er bei Verwandten in einem anderen Dorf ist. Weil er sich nicht mehr sicher fühlt, entschließt er sich zur Flucht. 

„In Pakistan, enforced disappearances were rare before September 2001. Since then,  hundreds, if not thousands, of people have been arbitrarily detained and held in secret detention. The victims have been denied access to lawyers, families and courts, and are at high risk of torture and other ill-treatment.“

Amnesty International

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Männer aus dem pakistanischen Kaschmir fliehen selten auf illegalem Weg ins Ausland – die Sicherheitslage in dieser de-facto Provinz ist bedeutend besser als irgendwo sonst im Land. Es kommt selten zu Anschlägen oder bewaffneten Auseinandersetzungen, auch normale Kriminalität ist seltener als im Rest des Landes. Bildung und wirtschaftliche Situation sind weitaus besser als in anderen ländlichen Regionen Pakistans.
Eine kritische Studentenbewegung, die gewaltfrei mehr Autonomie für die Region fordert, wird jedoch vom pakistanischen Geheimdienst seit Jahren unterdrückt. Ameers Geschichte reiht sich in eine Vielzahl von ähnlichen Fällen ein, die auch in einem Bericht für das Bundesasylamt dokumentiert sind.

Ameer erzählt, dass auch sein Bruder vom Geheimdienst verhaftet und gefoltert wurde. Auch er musste fliehen und lebt inzwischen im Iran.

  • nahe der Grenze zu Afghanistan
  • in den Stammesgebieten
  • Kaschmir
  • Muzaffarabad

Entscheidung

In Österreich entscheiden Beamte und Richter am Bundesasylamt und am Asylgerichtshof über die Asylbescheide. Etwa ein Prozent aller Asylgesuche von pakistanischen Flüchtlingen sind positiv. Die Beurteilung, ob ein Asylgrund vorliegt, ist schwierig. Die Anträge lassen sich oft schwer überprüfen. Auch Berichte wie jene des ACCORD kommen in vielen Fragen zu keinem eindeutigen Urteil über die Situation in Pakistan. 

Richter am Asylgerichtshof berichten, dass eine Beurteilung dadurch erschwert wird, wenn Flüchtlinge in ihren Verfahren die Umstände nicht wahrheitsgemäß schildern. So kommt es vor, dass sich Flüchtlinge auch auf die allgemein schlechte Sicherheitslage beziehen, sprechen von Verfolgung durch die Polizei, wobei kaum klar wird, warum das der Fall ist oder machen widersprüchliche Angaben über ihre Lebenssituation in Pakistan und die Umstände der Flucht. Auch bei Interviews im Zuge der Recherchen zu diesem Bericht war dies wiederholt der Fall. Einige haben, nach derzeitigem österreichischem Asylrecht, keine relevanten Gründe vorzuweisen. Andere sind so verstört, dass sie kaum fähig sind, einen klaren Gedanken zu fassen und eine stimmige Schilderung der Umstände zu erzählen. Wenn Fakten nicht überprüft werden können, zählt die Glaubwürdigkeit der Antragsteller, wie ein Richter am Asylgerichtshof erzählt. Für 99 Prozent aller Asylwerber aus Pakistan bedeutet dies, dass ihre Flucht in Österreich nicht zu Ende ist. Wenn sie ihre negativen Bescheide bekommen, tauchen sie unter, um es in einem anderen EU-Staat zu versuchen.

Tanveer Hussain hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Er ist bereits vor mehreren Jahren aus seiner Heimat geflohen und wartet nun seit zwei Jahren in Österreich auf seinen Asylbescheid. Auch wenn er negativ sein sollte, will er nicht zurück nach Pakistan. „Es ist wie mit einem Staudamm, der kein Wasser durchlässt. Irgendwann geht er über und das Wasser fließt woanders hin“, sagt er. Die Dramen, die sich täglich an den Grenzen Europas abspielen, sind längst zu einer globalen Szene geworden. Überall in Europa sind die Chancen, Asyl zu erhalten, gesunken. Die meisten versuchen es dennoch und suchen nach neuen Wegen Richtung Südostasien und Australien. Die Flucht ist auch dorthin gefährlich, die Chancen auf Asyl gering. Wenn die USA Ende 2014 aus Afghanistan abziehen und die Machtverhältnisse im Land neu verteilt werden, wird sich auch der Konflikt mit den Taliban in Pakistan wieder verstärken. Menschen werden ihre Heimat verlassen und sich auf den Weg nach Europa machen, um ein besseres Leben zu finden. 

 

Links

Asylstatistik BMI

UNHCR - Pakistan

ACCORD Berichte und BAA Fact Finding Missions

Rugpundits

Interviews 

Im Zuge der Recherche für diesen Artikel wurden 15 Interviews mit pakistanischen Flüchtlingen geführt. Die mit * gekennzeichneten Namen wurden geändert.

Die Autoren

Florian Stambula lebte 2006 und 2007 in Pakistan.

Jakob Steiner arbeitet seit 2006 in Pakistan. Er betreibt den Blog rugpundits.com.

Gestaltung und Grafik: Fabian Lang

Dieser Artikel wurde im April 2013 auf paroli erstveröffentlicht.