Reportage

„Wenn du nachdenkst, wird es scheiße.“

Eine österreichische Impro-Theatergruppe unterrichtet Deutsch in Südamerika.


"Biene, Blume, Baum, sagt das grüne Männchen.  

Baum, Blume, Biene, singt das grüne Ding zur Melodie von 'Freude schöner Götterfunken'.

Blume, Biene, Baum, Bein, Bauch, schreit das grüne Wesen."

 

Carlos Bernado Müller schaut das Wesen an und außerdem schauen noch hundert Kinderaugen. Angst haben sie keine aber ganz geheuer ist ihnen das hier auch nicht. Das grüne Ding ist anmutig und seltsam gleichzeitig und genau das soll es auch sein. Das grüne Ding ist die Deutsche Sprache, auch wenn die Kinder das nicht kapieren, aber sie kapieren schon, was Bein, Baum, Blume, Bauch, Biene heißt, denn die Kinder sprechen Deutsch. Manche zumindest. Und hier ist es an der Zeit zu sagen, dass die Kinder in einer Schule in Temperley in Buenos Aires sitzen und dass Carlos Bernado Müller ein Schauspieler ist und in Wirklichkeit Alexander Riedmüller heißt und dass seine Mission ist, Deutsch zu unterrichten, ohne Unterricht abzuhalten.  

 

Das Stück, dass die Kinder heute sehen heißt „K.B.M.“, denn Carlos Bernado Müller wird von Kleinen Bunten Männchen verfolgt. Ein rotes, ein grünes, ein blaues. Eines macht Angst, eines neugierig, eines reißt mit. Soweit die Geschichte für die Kinder. Die Geschichte für die Erwachsenen geht so: Das rote, grüne und blaue Männchen stehen für verschiedene Stadien des Spracherwerbs. Erst einmal macht eine fremde Sprache Angst, man fühlt sich von ihr verfolgt, genauso wie Carlos von dem roten Männchen. Dann kommt das grüne Ding, singt „Blume, Biene, Baum“, und Carlos wird neugierig, das zweite Stadium, in dem man reden will, aber noch nicht kann. Und dann das dritte, das blaue Männchen, mit dem Carlos zwar noch immer nicht fehlerfrei reden kann, aber er versucht schon, die Worte nachzuplappern, die das Wesen von sich gibt.

 

Nichts als deutsche Nachnamen

„Außer dem deutschen Nachnamen bleibt bei vielen Kindern hier in Lateinamerika nichts mehr über von den deutschen Wurzeln“, sagt Alex. Nach Argentinien kamen um die Jahrhundertwende besonders viele Einwanderer aus deutschsprachigen Ländern. Alex kam vor zwei Jahren, und er hat irgendwann bemerkt, dass die Ur-ur-urenkel dieser Einwanderer von ihren Eltern zwar auf deutsche Schulen geschickt werden, aber keinen Bezug mehr zur Sprache haben. Und da treten Alex und artig auf den Plan, oder die Bühne, wenn man lieber mit Theatermetaphern spielen will. Artig ist die Impro-Theatergruppe, die außer Alex auch noch aus Anne-Marie Kuhfuß, Magdalena Haftner und Lino Kleingarn besteht. Seit 2009 spielen die vier zusammen. Und „österreichische Theatergruppe“ ist irgendwie auch nicht ganz richtig, denn artig wurde zwar in Wien gegründet, aber außer Magdalena sind alle Mitglieder eigentlich aus Deutschland.

 

Die Idee für das Sprachtheater-Konzept ist vor zwei Jahren fast zufällig entstanden. Anne hatte die Ausbildung gemacht um Deutsch als Fremdsprache zu lehren und saß in Jekaterinburg als Praktikantin. Die übrigen Mitglieder von artig saßen in Wien, wären aber auch lieber in Jekaterinburg gesessen, zumindest eine Zeit lang. Für einen Urlaub hatten sie kein Geld, also trugen sie kurzerhand dem dortigen Goethe-Institut eine Idee vor: Deutsch lernen mit Improvisationstheater, wie findet ihr das? „Zu unserem Erstaunen und unserer Freude fanden sie es gut und haben uns genommen“, sagt Lino.  

  • (c) Mara Simperler

Der Augenblick ist real

Improtheater, das heißt: Es gibt keine fixen Rollen, keinen Text und kein Drehbuch. Alles entsteht spontan, oder, wie Lino es ausdrückt: „Wenn du nachdenkst, wird es scheiße.“ Gerade wenn man eine neue Sprache lernt, ist es wichtig, nicht zu viel nachzudenken, ob die Grammatik stimmt oder ob man ein Wort richtig ausspricht. Beim Impro-Theater geht es um Spontanität, um Mimik und Witz, nicht darum, ob man eine Sprache perfekt spricht.

 

Für ihr DaF-Theaterstück gilt das nicht, das haben die artigen schon oft geprobt, aber auch bei diesem Stück bleiben die Zuseher nicht unbeteiligt. Das rote Männchen hat gerade Carlos´ Klarinette zerbrochen. „Klarinette kaputt“, ruft es. Carlos, also Alex, schaut traurig und das rote Männchen, also Lino, ruft „Klarinette kleben!“ Carlos kapiert es wieder nicht, aber die Kinder schon und so schnell kannst du gar nicht schauen, stehen schon zwei vor Alex, also Carlos, und wollen ihm die Klarinette wieder zusammenstecken, die natürlich nicht gebrochen ist sondern nur auseinandergeschraubt. „Kinder unterscheiden nicht so sehr zwischen Theater und realem Leben“, sagt Magdalena. Wenn die Klarinette auf der Bühne kaputt wird, wollen die Kinder helfen. Ob das jetzt Carlos ist oder Alex, der traurig ist, ist egal. Der Augenblick ist real. Und Improvisieren muss man auch im realen Leben, zum Beispiel wenn gerade für diesen Auftritt extra ein Filmteam gekommen ist und Alex sein Kostüm vergisst.

Das hier ist kein Urlaub

Seit zwei Jahren spielen artig ihr Deutsch-Lern-Spiel, oft an ungewöhnlichen Orten. Auf Jekaterinburg folgten Tschechien, Polen, die Slowakei, Teheran, Äthiopien und Dschibuti. Die dort ansässigen Goethe-Institute sind wie viele ausländische Kulturzentren in autoritär regierten Ländern kleine Inseln der politischen Offenheit. Nicht zuletzt deshalb waren die Auftritte für artig genauso spannend wie für die Studenten. Auf ihrer Südamerika-Tour spielen die vier Schauspieler an 25 Orten in sieben Ländern: Argentinien, Chile, Mexiko, Kolumbien, Venezuela, Peru, Paraguay und Brasilien. Das wirft aber auch die Frage auf: Wie oft kann man Freude schöner Götterfunken mit „Baum, Blume, Biene“ singen, bis es nervt? „Ich liebe die Lieder immer mehr“ sagt Magdalena, als sie sich nach dem Auftritt die grüne Schminke aus dem Gesicht wischt.

 

„Mir gefällt, dass wir in die Schulen gehen und nicht die Kinder ins Theater“, sagt Anne, „so erreichen wir Leute, die sich solche Stücke normalerweise vielleicht nicht ansehen würden.“ Die Arbeit mit Schulen hat aber auch einen praktischen Aspekt. „Wenn du künstlerisch arbeitest, ist Theaterarbeit oft sehr prekär“, sagt Magdalena, „wenn du pädagogisch arbeitest, ist es besser.“ Für die Südamerika-Tour müssen die artigen aber nicht nur Schauspieler und Schauspielerinnen sein, sondern auch Routenplaner, Zeitmanagerinnen und Werbetrommelrührer. „Man muss mit sehr viel Leidenschaft an das Projekt rangehen“, sagt Magdalena, denn so eine Tour ist auch ganz schön anstrengend. Im Endeffekt sei es das aber alles wert: „Wir sind ja nicht im Urlaub hier.“