Interview

„Ich sehe den Trend zum angepassten Hosenscheißer“

Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier spricht im Interview mit paroli über Styler, Performer und Egoisten, die die junge Generation darstellen, über ausgeflippte Punks und besoffene Philosophen und darüber, dass die Jugend von heute Solidarität nur im familiären Umfeld ausübt.


Herr Heinzlmaier, was ist eine Generation? 

Die berühmteste Definition ist von Karl Mannheim, ein Soziologe und Kulturwissenschaftler. Er spricht von einem Generationszusammenhang, der dadurch entsteht, dass eine bestimmte Menschengruppe gemeinsame, historische Erfahrungen hat. Diese Erfahrungen prägen eine Generation. 

Es sind also keine Modeerscheinungen und Verallgemeinerungen, die eine Jugendbewegung ausmachen? 

Eine Generation wird über markante Erfahrungen innerhalb einer Zeitspanne definiert, denen sich auch niemand entziehen kann. Es konnte sich beispielsweise niemand dem Zweiten Weltkrieg entziehen und das prägt eine Generation. So wie sich heute niemand den Börsenkrisen entziehen kann. Es geht also weniger um Modeerscheinungen. 

Welche Merkmale und Eigenschaften hat die junge Generation von heute? 

Das Aufsteigen durch das Mitmachen. Es ist eine adaptiv-pragmatische Generation mit einer hohen Anpassungsbereitschaft, mit einer Mitmachmentalität. Sie sind so erzogen, dass sie ordentlich funktionieren. Diese Generation ist nicht perspektivlos oder verdrossen, denn was ihre egoistischen Ziele anbelangt, sind sie ganz klar orientiert. Ein großer Teil der Jugend ist cool, durchsetzungsfähig und kämpferisch, eine Art moderner Warrior. Ich finde sie sogar beängstigend gut orientiert. Die Konzernchefs sind zufrieden, denn junge Menschen sind angepasste, ausbeutbare und brave Konsumenten. Aber man darf das alles auch wieder nicht zu sehr generalisieren. 

Und welche Eigenschaften hatte Ihre Generation? 

Als ich 25 Jahre alt war - und das ist jetzt 25 Jahre her - da hat mir kein Mensch irgendetwas vorgeschrieben. Da war das Leben relativ frei für junge Menschen und unkontrolliert. Man hat eine Fülle von Chancen gehabt. Es war nicht so beengt wie heute. Am Arbeitsmarkt hat man die Arbeit bekommen, die man haben wollte, man hat studieren können wann, wie, wo und so lange man wollte. Das Entscheidende ist, dass auf meiner Generation nicht so ein Druck gelastet hat. Es gab weniger Kontrolle an den Universitäten, Schulen und in der Gesellschaft. Man hatte die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu finden. Heute ist es so, dass man mehr vorgegebene Wege gehen muss. Das ist der große Unterschied. Heute tendiert alles zu Standardisierungen. Das war damals in diesem Ausmaß überhaupt nicht vorhanden. 

Sie sagen, dass unserer Generation, sowohl auf europäischer als auch nationaler Ebene, nicht viele Türen offen stehen? 

Nein, ich finde nicht, dass den jungen Menschen heute viele Türen offen stehen. Ich finde es nicht erstrebenswert, ein Start-Up in die Realität zu setzen. Als ich 25 Jahre alt war, habe ich mit meinem Leben besseres anzufangen gewusst, als mich für ein Unternehmen zu engagieren. Damals habe ich von Tag zu Tag gelebt und mir das Recht herausgenommen, keine Pläne zu haben. Der große Vorteil meiner Generation war, dass man keine Pläne haben musste und dass man nicht Erfolg haben musste. Und heute ist das Standard: Jeder muss irgendetwas unternehmen, die Qualität von einem Leben ermisst sich daran, was man schafft und hervor bringt. Es ist aber nicht notwendigerweise die Pflicht eines Menschen, etwas zu schaffen. Das Leben kann auch daraus bestehen, dass man sich täglich besäuft und bekifft und Nietzsche liest. Diese Möglichkeit hat man heutzutage dezidiert nicht. Wenn man nicht in diesem irrsinnigen, immer schneller laufenden ökonomischen Betrieb irgendeine Art von Engagement zeigt, dann ist man nicht vorhanden. 

Aus dieser Szenerie heraus: Wie wird sich die Jugend weiterentwickeln und welche Trends heben sich dabei heraus? 

Ich sehe den Trend zum angepassten Hosenscheißer. Zu den Mitmachern und zu den langweiligen Menschen, die alle im gleichen Jargon und den gleichen Vokabeln daher reden und alle dieselben Absichten und dasselbe Erfolgskonzept haben, das mit ihren persönlichen Gefühlen und mit ihrem Leben und Bedürfnissen überhaupt nichts zu tun hat. Die Dominanz der äußeren Güter, dass man sogar das eigene Selbst marktförmig ausrichtet, ist erbärmlich. 

Das sind große Vorwürfe. Worauf stützen Sie Ihre Aussagen? 

Ich mache niemandem einen Vorwurf, weil prinzipiell die Macht des Individuums überschätzt wird. Jeder ist von Außen geführt und manipuliert und der eigene Wille ist abgeleitet von äußeren Einflüssen. Die jungen Leute, wie sie heute leben, sind großteils gemacht. Sie sind produziert von den hegemonialen Ideologien. Die heutige Jugend hat gar nichts zu verantworten. Deswegen kann man ihnen auch keine Vorwürfe machen, weil sie selbst nichts dafür können. 

Wer oder was produziert die heutige Jugend? 

Die Kommerzialisierung und der Arbeitsmarkt. Alles hat nur dann einen Wert, wenn man sich in einem bestimmten System einordnet und sich so verhält, wie es verlangt wird. Auf dem Weg zu diesem Interview bin ich an Punks vorbeigegangen, die mit Hunden auf der Straße sitzen, denen ich auch immer Geld gebe, denn das ist für mich der richtige Weg zu einer Erneuerung der Gesellschaft. Diese "Verpunkung", also dass wir uns mit Hunden irgendwo auf die Straße setzen und Bier trinken und das Leben an uns vorbeiziehen lassen: Das wäre ein Ideal, dem ich dem heutigen Ideal entgegen halten würde. Die sind im Übrigen auch sehr freundliche und fürsorgliche Menschen. 

Ist das somit Ihr Ratschlag für die heutige Generation? 

Ich gebe der Generation überhaupt keinen Ratschlag. Aber ich bevorzuge den ausgeflippten Punk, oder einen alten, versoffenen Philosophen gegenüber den coolen, performenden Anzug-Typen, die vorbei laufen und ihre komische, lächerliche Erfolgsgeschichte inszenieren, die zum Beispiel darin bestehen kann, irgendeine verblödete Applikation für das Handy zu programmieren und diese dann verkaufen. Diese Typen interessieren mich einfach nicht. Das sind langweilige, öde Menschen. 

In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die junge Generation als Styler, Performer und Egoisten. Das ist, im Gegensatz zu Ihren jetzigen Aussagen, nachsichtiger. 

Das sind nur Definitionsversuche. Der Performer, ist der Selbstdarsteller, der überall durch die Welt läuft. Der Styler steht für Menschen, denen die Form wichtiger ist als der Inhalt. Der Egoist ist der Menschentypus, der unsere Welt bestimmt, indem er an eigenem Profit mehr interessiert ist als an seinen Mitmenschen. Das ist in Wirklichkeit eine Zeitdiagnose und demnach kein Vorwurf, denn junge Menschen werden durch die ökonomischen, politischen und medialen Verhältnisse dazu getrieben, dieses Spiel mitzuspielen. Sie werden durch eine Bildungs- und Medienverblödungsmaschinerie so geformt, dass sie so weit als möglich angepasst sind. Wenn man Teil von diesem Schul-, Universitäts-, oder gar diesem Fachhochschulsystem - was ja der größte Schwachsinn ist - ist, dann muss am Ende so eine angepasst Jugend entstehen: Mittelmäßige Performer, die ihre Anzüge bei Hugo Boss kaufen, im Winter Snowboarden gehen und abends in fürchterlichen Clubs abhängen. 

Ist die junge Generation demnach eine strebsame, pragmatische Gruppe ohne Ideale?

Strebsam sein ist an sich schon widerlich. In meiner Schulklasse waren drei Personen, die diesem Strebertum verfallen waren, die wir ignoriert haben. Doch heute prägen diese Strebsamen das vorherrschende Bild. Man kann sich auch durch das Leben gleiten lassen. Mich stört es, dass die heutige Jugend für alles einen Plan hat und viele Wege durchdacht hat. Das fängt schon in ganz jungen Jahren an und das ist für mich befremdend. Die meisten soziologischen Untersuchungen zeigen, dass die großräumigen Formen der Solidarität und das Einfühlungsvermögen in das Leben anderer heute nicht mehr so gegeben sind wie vor 30 Jahren. Es ist ein Menschentypus dominant, der, wenn er das Wort Solidarität gebraucht, dann in erster Linie seine Freunde und Familie damit meint. 

Das heißt dann wohl, dass die jüngsten Revolten in Nordafrika, Asien und Europa, aber auch die Occupy-Bewegung, an der vermehrt junge Menschen beteiligt waren, Ausnahmeerscheinungen sind. Denn diese bewegen sich ganz klar außerhalb des familiären Rahmens. 

Da muss man über die Motive diskutieren, warum junge Menschen das machen. Diese ganzen neuen Bewegungen sind jene, die aus den Mittelschichten heraus entstanden sind. Sie gehen deswegen auf die Straße, weil der Staat seine Versprechen nicht eingehalten hat. Das bedeutet, sie protestieren gemeinsam für eine Verbesserung ihrer individuellen Lage. Und darin sehe ich keinen alternativen Gesellschaftsentwurf. Wenn man das mit der 68er-Bewegung vergleicht, dann wollten sie eine andere Gesellschaft und andere Formen des Zusammenlebens haben. Die Jugend heute will in erster Linie einen Job haben und ihre mickrige Karriere in einem neoliberalen System durchziehen. Allerdings ist die Occupy-Bewegung völlig anders, denn sie wurde von Anarchisten getragen und der Anarchismus ist meiner Meinung nach sowieso die einzige Idee von Gesellschaft, die überhaupt noch einen Sinn macht. Sie haben in ihrem Protest die Lebensformen integriert, die sie später auch gesamtgesellschaftlich realisieren wollten. Aber das ist ein Minderheitenprogramm. 

Wie lange haben Sie vor in der Jugendforschung noch aktiv zu sein? 

Ich selbst möchte am liebsten morgen schon nicht mehr aktiv sein. Ich hasse das Aktiv-Sein. Aber meine finanzielle Situation erlaubt es mir nicht anders. 


Zur Person:

Bernhard Heinzlmaier ist seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Jugendforschung tätig. Er ist Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung und seit 2003 dort ehrenamtlicher Vorsitzender. Hauptberuflich leitet er das Marktforschungsinstitut Tfactory in Hamburg. 

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