New York

Ich bin ein Suderant, Madame

Wer in New York wohnt, darf sich nicht beschweren. Erklär’ das einem gelernten Wiener...


Kennst Du das? Diese Erwartungshaltung? Du erzählst etwas und dein Gegenüber nickt und lächelt (und hechelt schon fast) und du musst einfach erzählen, was sie oder er hören will? Ich fühle mit dir. Zieh’ mal für eine Zeit hierher, oder verbring’ zumindest ein, zwei Wochen Urlaub auf dieser durchgeknallten Insel und Du wirst sehen, dass Jammern verboten ist. Na geh’, es ist aber schon geil in New York. oder Hör’ auf dich zu beschweren, du bist eh in New York. 

Nein! Fix ned! Ich hör’ nicht auf, weil ich war die letzten vier Jahre in Wien. Die Stadt, die so viele Synonyme für raunzen, sudern, motschgern hervorgebracht hat, hinterlässt einfach Spuren. Wien kann ich nicht einfach so abschütteln. Aber gut, ich bin ja anpassungsfähig. Integriere mich. In New York kann man den Spieß nämlich umdrehen. Die Schönfärberei ist hier Lokalsport. An das übertriebene Selbstvertrauen New Yorks kommt höchstens Horst Seehofer annähernd heran. Der Standard-Satz in 90 Prozent öffentlicher Reden: “New York is the greatest city in the world.” 

Ich frage mich dann immer, womit diese Greatness oder Großartigkeit gemessen wird - also außer mit Worten. Womit sie nicht gemessen wird, ist mir schnell klar geworden. Aber ich versuche das einmal positiver zu formulieren. Ich finde es großartig, dass die Mieten nicht noch unverschämter sind als sie ohnehin sind und noch großartiger finde ich, dass die Fenster… Nein, das lässt sich nicht schönfärben. Die Fenster sind eine Katastrophe. Die Bausubstanz ganz generell, die Fenster im Besonderen. Isolierung ist nicht nur vom Wortursprung her, sondern auch faktisch, ein Fremdwort hier. Die eisige Luft, die da im Spätherbst hereinzuziehen versucht, heize ich einfach nieder. 

Ich gebe aber gerne zu, dass es sehr einfach ist, sich über die New Yorker Infrastruktur zu beschweren. Besonders das Stromnetz ist veraltet, wie die New Yorker nach Hurrikan Sandy im Herbst 2012 schmerzvoll erfahren mussten. Die Straßen sind nicht besser. In den Schlaglöchern auf der 2nd Avenue könnten Kleinwagen verschwinden. Das Leitungswasser schmeckt nach Chlor. Und das Gemüse, das es in dieser Stadt zu angemessenen Preisen zu kaufen gibt, schmeckt nicht einmal nach Chlor, sondern nur nach Wasser. Kostet dafür deutlich mehr als Wasser. 

Ich beschwere mich dafür nicht über die U-Bahn. Also nur ein wenig. Die New Yorker Subway ist zwar eng, von eher unterdurchschnittlichem Geruch (oder U1 Stephansplatz-mäßig, wer’s kennt) und wahlweise unterkühlt oder überheizt. Dennoch ist es beeindruckend, dass sie funktioniert. Über fünf Millionen Menschen benützen die Subway an jedem Wochentag. Nach einer Eingewöhnungsphase lässt es sich herrlich im Menschenstrom mitfließen. So kristallisieren sich Nicht-New Yorker schnell heraus. Das sind die, in die ich dann immer hineinlaufe, weil sie nicht mitschwimmen, sondern verwirrt auf Pläne und Hinweistafeln schauen oder andere plötzliche Bewegungen machen. Am Wochenende sind dann wieder alle Menschen im New Yorker Untergrund gleich, weil es so viele Fahrplanänderungen gibt, dass sowohl Tourist als auch New Yorker mit den Händen in den Hüften gestützt vor den Anschlagtafel steht und sich schlussendlich dann doch lieber ein Taxi nimmt. 

Aber was ich eigentlich über die U-Bahn sagen wollte: Die U-Bahn ist einer der wenigen ruhigen Orte in New York. Also ruhig im Sinne von monotoner Lärm. Die New Yorker sind da gezwungen, die Pappm zu halten, weil die Handys nicht funktionieren. Die Leute schauen alle so drein wie in Wien oder starren auf ihren Handybildschirm. Oder beides. Miteinander geredet wird sowieso nicht. Allerdings soll es demnächst Handyempfang im Untergrund geben. Meine Oase ist in Gefahr!

Ich war noch nicht im Guggenheim.

Zurück zur Erwartungshaltung. Wer in New York lebt, muss offenbar das Leben hier voll und ganz auskosten. Ich habe es gewagt (und ich wage es schon wieder), zu sagen, dass ich nach acht Monaten in dieser Stadt noch immer nicht im Guggenheim Museum war. Gezählte vier verbale Watsch’n habe ich mir dafür schon abholen müssen und jetzt kommen sicher noch einige mehr dazu. Das war volle Absicht. Das ist das Schöne daran. Also nicht das Entsetzen der Nicht-New Yorker, das ich immer wieder auslösen darf. Das Schöne ist, dass mir New York nicht davonlaufen kann. Ich kann getrost mit dem Rad zum Green-Wood Friedhof fahren und nach wilden Papageien Ausschau halten oder im Prospect Park im Gras liegen und in die Luft schauen und gleichzeitig zu wissen, dass ich in der gleichen Zeit supertolle Sehenswürdigkeiten nicht sehe. Aber Du musst doch! Das geht doch nicht! Du kannst doch nicht! Muss ich in New York mehr müssen, als woanders? Keine Ahnung. Aber ich habe es auch leicht gehabt. Ich hatte nicht vor nach New York zu ziehen und daher auch keine besonderen Erwartungen an diese Stadt. Mir ist New York passiert, ich wurde  aus dem Nichts gefragt, ob ich  in New York arbeiten möchte. Ja, warum nicht? Und da ich nicht viel erwartet hatte und eher wegen des New York-Hypes den Kopf geschüttelt habe, lasse ich mich seit Monaten positiv überraschen. Im MOMA war ich auch noch nicht. 


Angewandte Integration

  • © Manuel Koellner

Hintergrund

  • Das Blog gibt es sozusagen auch in Bildern.
  • Der Titel leitet sich vom umgedichteten Rainhard Fendrich Lied "Ich bin ein Negerant, Madame" ab, das sich wiederum von "Ich küsse ihre Hand, Madame" aus dem gleichnamigen Film ableitet.