New York

Judenwitze und witzelnde Juden

Oder: Wie ich aufhörte, mich zu sorgen und lernte, mich über Juden lustig zu machen


“Hey Yagil, I’m gonna write a blog post on making fun about jews”, sage ich letzte Woche zu meinem jüdischen Mitbewohner Yagil.
“You gonna be assassinated”, seine Antwort.
“By whom?”
“Your Austrian guilt.” (1)
Es ist so schrecklich mühsam einen Blogeintrag zum Thema Judenwitze zu schreiben. Jeden Satz, jede Bedeutung, jede mögliche Doppeldeutigkeit habe ich zweimal hinterfragt. Die Waagschale geht schon über. Dabei ist es in der zweitgrößten jüdischen Stadt der Welt, New York, so leicht über Juden zu schreiben. Als katholisch erzogener Österreicher zögere ich schon, wenn ich die vor das Wort Juden setze. Es ist interessant, wie sehr sich die Vergangenheit eines Landes, nicht mal die persönliche Vergangenheit auf das Verhalten auswirkt. Und noch interessanter ist, wie schnell sich das in einem anderen sozialen Umfeld ändern kann. In New York fühle ich diese ganze Geschichtslast nicht mehr, weil ich mit Juden zusammenarbeite und zusammenlebe. Und nicht nur mit Juden - sondern mit allen anderen auch. Alleine der Stadtteil Queens ist einer der kulturell buntesten Plätze der Erde. Ich kann also unbelastet reden. Über die Eigenheiten von Menschen mit jüdischer Herkunft. Ich kann Witze machen. Nicht dass ich das dringende Bedürfnis danach hatte, ich wär aus Respekt vor den Naziopfern einfach nie auf die Idee gekommen, dass das als Österreicher möglich ist. Und ein Witz ein Witz sein kann - und nur ein Witz. 
Yagil: “Do you mind if I have a business meeting in our living room?”
Ich: “Do you mind if I come in, grab some water and make some Nazi chants?”
Yagil: “No, not at all.” (2)
Ich habe ja leider oder zum Glück einen schrägen Humor, bin der Meinung, dass Satire alles dürfen muss. Also auch Tote Baby-Witze etc. Ich mache das nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus reinem Selbstschutz, weil beim Lachen tue ich mir einfach leichter als beim Weinen. Trotzallem: Judenwitze gehen einfach nicht. 

Doch. Geht. In New York. Es fühlt sich nämlich hier anders an. Es fühlt sich an wie in Österreich Witze über die Amerikaner oder die Deutschen zu machen. Es fühlt sich an wie Witz und nicht wie Rassismus. Mein Mitbewohner Yagil hat mir bei der humoristischen Integration geholfen. Yagil hat eine typische jüdische-amerikanische Geschichte. Er ist in New York geboren, ist in Israel aufgewachsen und wohnt jetzt seit über zehn Jahren wieder in Brooklyn. Er hat einen ähnlichen Humor wie ich. Er macht sich dauernd über die Juden lustig. Aber seine Witze mündeten vor mehreren Monaten häufig im gleichen Dialog.
“Dude, stop it. That’s just too wrong”, sage ich dann. 
Yagil: “But Jewish people laugh about that.” 
Ich: “I know but I can’t.” (3)

Offensichtlich ein Jude

Mit der Zeit habe ich in New York gelernt, dass es keine Mehrheiten und demnach keine Minderheiten gibt. Das macht witztechnisch viel Spaß. New York feiert seine hunderten Ethnien mit Humor. Schwarze scherzen über Weiße, Juden über Latinos, die Chinesen über die Polen und Araber über Katholiken. Schön ist auch, wie sich die Juden über sich selbst lustig machen. Also die Liberalen über die ultra-orthodoxen Chassidischen. Marrokanische Juden über polnische Juden. Russische über deutsche. 

Ich fürchte aber, dass das nur in New York geht. Diese Witzfreiheit lässt sich nicht nach Österreich importieren. Aber im Sinne der Satire müssten besonders wir gebürtigen oder gelernten Wiener wieder Judenwitze machen dürfen. Aus dem einfachen Grund, weil unser Humor jüdisch ist. Den Herren Thorberg, Polgar, Farkas, Grünbaum oder Bronner haben wir es zu großen Teilen zu verdanken, einen Humor zu haben, der sich überaus positiv von so manchem österreichischen Nachbarland abhebt. Christoph Waltz brachte das schön auf den Punkt, als er in der US-Comedy-Show Saturday Night Live sagte, "[...] First of all I'm not German, I'm Austrian. And Austrians have a wonderful sense of humor... Germans not so much." (4)

Ich bin zu faul, um zu versuchen Judenwitze in Österreich zu etablieren, weil dann müsste ich mich nach jedem Witz erklären. Und solange es in Österreich diese Wahnsinnigen gibt, die Witze über Juden nicht als Witz sondern als Beleidigung verwenden würden, macht es auch keinen Spaß. Bis ich mich allerdings wieder mit diesen Wahnsinnigen auseinandersetzen muss, genieße ich das jüdische New York, lass mich zum Seder und zu Rosh Haschana einladen und mache viele schlechte Witze. Mein Mitbewohner Yagil meinte übrigens, ich solle Folgendes ans Ende des Eintrages schreiben: “This article is approved by Yagil Kadosh, obviously a jew.” (5)


Die New Yorker Komödiantin Sarah Silverman versuchte 2008 die jüdische Wählerschicht davon zu überzeugen, für Barack Obama zu stimmen. 


Erschöpft mit Yarmulke

  • © Manuel Koellner

(1) 
"Hey Yagil, ich werde einen Blogeintrag darüber schreiben, wie es ist, sich über Juden lustig zu machen."
"Du wirst ermordet werden."
"Von wem?"
"Deiner österreichischen Schuld."

(2)
Yagil: "Macht's dir was aus, wenn ich ein Geschäftstreffen im Wohnzimmer mache?"
Ich: "Macht's dir was aus, wenn ich mir währenddessen Wasser hole und ein paar Nazi-Parolen schreie?"
Yagil: "Kein Problem."

(3)
"Hör auf, das ist einfach zu falsch."
Yagil: "Aber Juden lachen darüber."
Ich: "Ich weiß, aber ich kann einfach nicht."

(4)
"Zuallererst bin ich kein Deutscher sondern Österreicher. Und wir Österreicher haben einen wundervollen Sinn für Humor... die Deutschen eher nicht so."

(5)
"Dieser Artikel wurde genehmigt von Yagil Kadosh. Offensichtlich ein Jude."