Paroli

Oh, wie mühsam ist Crowdfunding!

Nein, an dieser Stelle wird nicht zum x-ten Mal erklärt, was Crowdfunding ist und es gibt auch keine Anleitung in fünf Schritten, wie man erfolgreich ein Projekt von der Crowd finanzieren lässt. Wer seine Idee von einer unbekannten Menge finanzieren lassen will, der muss Visionär und Marktschreier in einer Person sein.


An einem Abend im Jänner vergangenen Jahres standen wir am Donaukanal in Wien, hatten Licht und Kamera aufgebaut, um bei dunkeleisiger Kälte das Vorstellungsvideo für „Kopf oder Zahl“ zu drehen. Das Konzept dazu hatten wir bereits dreimal verworfen, zweimal neugedacht und einmal umgesetzt, als es uns dann doch nicht gefiel und wir alles neu entwarfen. Die Idee: Junge Menschen erzählen in Portraits über ihre Sicht des Lebens, die in einem datenjournalistischen Rahmen die Vision von einem gemeinsamen Europa darstellt. So lange es gedauert hat, bis wir uns auf eine Beschreibung einigen konnten, so oft sind wir gefragt worden, was „Kopf oder Zahl“ eigentlich ist. 
Nun, es ist die erste interaktive und multimediale Webdoku in Österreich, die durch Crowdfunding ermöglicht wurde. Doch bevor uns 76 Protagonisten aus 20 Ländern im Laufe der Sommermonate einen Einblick in ihre Lebensrealität gaben, mussten wir selbst viel über die Idee von einem gemeinsamen Europa diskutieren. Darüber ob und wie diese Gedanken in eine Erzählform passen und wie man alles das so präsentiert, um Unterstützer dafür zu finden. Nur wenige Tage blieben uns, um das Pitchvideo auf Krautreporter.de zu stellen, der ersten deutschsprachigen Crowdfunding-Plattform für journalistische Projekte.

Und als das Video endlich online war, begann die eigentliche Arbeit: Ähnlich dem Flair von emsigen Versicherungsberatern, grasten wir persönlich, telefonisch und schriftlich zuerst den eigenen Bekannten- und Freundeskreis ab, um dann Freunden von Freunden zu erklären, wie wichtig es ist, dass sie spenden. Und während die eigenen Eltern schon längst ein eigenes Konto für unsere Flausen eingerichtet haben, trommelte paroli wie wild auf Facebook und Twitter, um die Menschen zu animieren, in jungen Onlinejournalismus zu investieren. Die Schamesröte verging, als „Kopf oder Zahl“ nach 24 Tagen und vier Stunden vor Ablauf der Frist mit 4.071 Euro ausfinanziert war. 
Irgendwann zwischen Tatendrang und der Überzeugung, modern finanzierten Journalismus betreiben zu wollen, kommen die Selbstzweifel: Ist der ganze Aufwand gerechtfertigt? Haben wir uns mit den Kosten verkalkuliert, diese zu niedrig angesetzt? Definitiv. Doch selbst dieser verhältnismäßig kleine Betrag war schon nicht einfach zu generieren. Wie oft kann man den eigenen Bekanntenkreis von seinen eigenen Idealen überzeugen, ohne größenwahnsinnig oder gar lästig zu wirken? 


Die Antwort auf diese Fragen lautet meistens: Jein. Crowdfunding ist anstrengend. Wir mussten ein vielschichtiges Projekt zu Ende denken, noch bevor es angefangen hat und wir mussten das Versprechen einer Webdoku abgeben, was für uns alle bis dato neu war. Auf der anderen Seite steht eine Truppe, für die „Kopf oder Zahl“ mehr als eine Webdoku ist. Paroli ist eine journalistische Spielwiese, auf der getestet wird, welche Inhalte wie erzählt werden können. Es ist aber auch der Ort, an dem junge Menschen über modernen Journalismus nachdenken, Visionen darüber haben, was dieser Journalismus leisten soll und dabei keine Mühe scheuen, Umwege in Kauf zu nehmen. Die Webdoku „Kopf oder Zahl“ ist moderner und modern finanzierter Journalismus in einem. Das Ergebnis macht uns stolz. Nach genau einem Jahr Recherche, Aufbereitung und Umsetzung ist die Webdoku online.


  • (c) Yvonne Widler