Sarajewo

Diese Wohnsiedlung hat alles, was mit Bosnien gerade schief läuft

Keine Perspektive für Jugendliche, organisierte Kriminalität und Armut – Die Siedlung „Alipasino Polje“ in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo steht repräsentativ für die Probleme des Landes.


„Du solltest lieber deine Kamera weglegen“, warnt mich ein Jugendlicher mit ernster Miene. „Willst du, dass man dir ihretwegen deine Hand abhackt?“ Der Junge ist 17 Jahre alt, trägt gefälschte „Pumma“ Sportschuhe und einen Jogging-Anzug. Sein Name ist Nedim. „Oder brauchst du Drogen?“ ist seine zweite Frage.

Alipasino Polje ist in drei Phasen geteilt, Nedim ist in Phase B aufgewachsen. „Nachts sollte man Phase B und C meiden“, so der 17-Jährige. „Vor allem, wenn man nicht von hier ist.“Die Siedlung zählt insgesamt 60.000 Einwohner und ist somit eine der bekanntesten in Sarajewo. Der größte Komplex ist 18 Stockwerke hoch, von dort aus sieht man ganz Sarajewo.


Trostloses Dasein

Nedim verbringt jeden Tag nach der Schule auf den Straßen von Alipasino Polje. Seine Freunde sind Nachbarskinder. Sie beschmieren Wände, sitzen auf Parkbänken oder spielen Käfigfußball. Job-Perspektiven hat keiner von ihnen, ihre schulische Ausbildung „machen sie völlig umsonst“ – darin sind sich die Jugendlichen einig. Auch Elvir Zuko, der ein Stockwerk über Nedim wohnt, sieht wenig Hoffnung für die Zukunft der Teenager. Der 45-Jährige ist Mechaniker, sein Monatslohn beträgt 500 Mark, umgerechnet etwa 250 Euro. „Ich habe im Krieg gedient und besitze jetzt weniger als davor“. Er zündet sich eine Zigarette an, blickt in die Runde der 15 bis 19-Jährigen und fährt fort. „Was sollen diese Kids machen? Entweder sie haben reiche Verwandte im Ausland oder sie werden kriminell.“

Der Tagesablauf von Nedim und seinen Freunden ist trist. „Wir sind eigentlich immer auf der Straße“, gesteht er. „Wenn wir nicht gerade Graffitis auf Wände malen, schlagen wir die Zeit mit Karten spielen tot.“

Nedims Träume sind einfach gestrickt. Obwohl der Plattenbau verwahrlost ist, fühlt er sich zuhause. „Am liebsten würde ich etwas mit Metallhandel machen, damit kannst du gutes Geld verdienen“, erzählt er von seinen Vorstellungen. „Dafür brauchst du aber die nötigen Kontakte.“

Nach einer Weile gesellt sich ein 20-Jähriger zu der Gruppe von Teenagern. Er öffnet eine Zigarettenpackung der Marke Marlboro und reißt einen Witz über einen der Jüngeren. Später erwähnt Nedim, dass der Besucher Renato heißt und die rechte Hand des größten Drogendealers der Siedlung ist. „Früher hat er zu uns gehört“, berichtet Nedim. „Jetzt vercheckt er Gras und hält sich für etwas Besseres.“


Die Armee von AP

Der 45-jährige Elvir zeigt sich unbeeindruckt von Renato. „Jungs wie er erledigen die Drecksarbeit der großen Fische“. Die Drogensituation hat sich in den letzten Jahren gebessert. Alipasino Polje war bis vor fünf Jahren Drogenumschlagspunkt für Kokain, Heroin und Haschisch. Die Einwohner von Alipasino Polje haben nach mehrmaligen Versuchen, die Polizei darüber zu informieren, selbst Hand angelegt. „In Bosnien weißt du nicht, wer gut oder böse ist“, schimpft Elvir. „Viele Polizisten sind in die Drogenszene verwickelt“. Deswegen wurden Nachbarschaftswachen eingeführt. Viele Drogendealer, Heroinabhängige und Obdachlose wurden vertrieben. „Während des Krieges gab es eine Freiwilligenarmee der Bürger von Alipasino Polje“, so der ehemalige Soldat. „Damals schützten wir unser Zuhause vor gegnerischen Truppen – heute vor der Drogenszene.“

Nach außen hin wiegen sich die Einwohner von Alipasino Polje in Sicherheit. Aber ein Blick hinter die Kulissen reicht, um zu erkennen, dass Kriminalität weiterhin ein großes Problem ist. Überfälle gehören zur Tagesordnung, Drogendealer sind präsent, nur weniger aufdringlich. Fremden wird abgeraten, abends alleine in der Gegend unterwegs zu sein und über eine Schießerei wundert sich keiner. Die Gruppe von Teenagern macht sich mit der Abenddämmerung langsam auf den Weg nach Hause. „Wie gesagt, nachts meidet man Phase B und C besser – nicht nur als Fremder“, verabschiedet sich Nedim.

  • Fotos von Marko Mestrovic


  • © Marko Mestrovic

Dieser Text ist außerdem in der aktuellen Ausgabe des Vice Magazins und auf vice.com erschienen.