New York

Man(hattan) spricht deutsch

Warum der New York Blog trotz Angst, diesmal zum Gesamtkunstwerk wurde. Und was die Menschen aus Long Island dazu zu sagen haben.


Ach, diese Denglish-Sprecher.
"Ja, dann hama ein Meeting gehabt."
"Wir müssen ja den richtigen Style rausfinden." 
"Ja, stimmt, das is so fucked up, gell." 
"Check ich ur nicht, aber das letzte Get-together war so nice."
Aber eigentlich meine ich die gar nicht, wollte mich nur kurz drüber lustig machen. Ich meine viel mehr diejenigen, die so eine antiquierte Sprache aufsetzen, weil sie gänzlich desillusioniert sind. Die drücken alle ihre Eindrücke, die sie temporär wahrgenommen haben, tunlichst originell aus, um damit dann in bornierten Kommentaren in diversen Kunst- und Kulturperiodika die Fadesse der Lesenden zu prolongieren.

Diesen Menschenschlag gibt es wenig überraschend nicht nur im deutschsprachigen Raum. Überraschend ist aber, dass New Yorker dieser Art mit Vorliebe deutsche Fremdwörter verwenden. 

Es gibt diese Szene von den "Simpsons". Tingeltangel-Bob, der stets versucht Bart Simpson zu töten, steht vor Gericht und der Ankläger wirft ihm vor, er habe ein Tattoo auf der Brust, das da heißt "Die Bart, die!" (Stirb Bart, stirb!). Tingeltangel-Bob verteidigt sich ernststrasseresk und behauptet, das sei deutsch und heiße “Die Bart, die.” Das ergibt zwar keinen Sinn, aber eine Geschworne raunt dennoch ihrem Sitznachbar zu: “Nobody who speaks German could be an evil man.” (Niemand der deutsch spricht, kann ein böser Mensch sein.)

Abgesehen vom Hitler-Seitenhieb der Simpsons-Schreiber stimmt es, dass Fremdsprachen auch ein gewisses Flair transportieren. Wer in Österreich oder Deutschland als besonders gebildet gelten möchte, streut wohl ausgewählte Fremdwörter in die Konversation ein (mich inkludiert). Wer in New York über gesellschaftliche Phänomene spricht, sagt: "That's the zeitgeist." Wer von einer Urangst der Bevölkerung redet, sagt: "People have this angst of..." Aber auch "the gesamtkunstwerk" oder “the götterdämmerung” habe ich in der Kultur- und Literaturzeitschrift The New Yorker schon gelesen. Ebenso hat sich das Wort "blitzkrieg" aus bekanntem Grund eingebürgert. Dazu heißt der Kindergarten in den USA "the kindergarten" und der Rucksack "the rucksack". Meine Lieblingswörter aber sind: the weltschmerz, the schadenfreude und the wunderkind. Dann gibt's noch einen herrlichen Fundus an Begriffen, die den Umweg vom Deutschen über das Jiddische ins New Yorker Englisch genommen haben, wie "to schlep" für mühsame Schlepperei und "spiel" für endlose Rederei, Geschwafel. “It’s always the same spiel.” (say: shpiel) 

Speak New York

In New York deutschsprachig zu sein, hat tatsächlich etwas Angenehmes. Ganz im Sinne der Szene von den Simpsons halten viele New Yorker deutsch für eine kultivierte, mondäne Sprache. Ähnlich wie für österreichische Ohren Oxfordenglisch oder Französisch klingt. Viele tragen auch gerne ihre - häufig respektablen - Deutschkenntnisse vor und fragen nach dem längsten Wort, dass es im Deutschen gibt. Die Faszination an Vielsilbenaneinandereiungsketten und Hauptwörterschlangen rührt daher, dass es sowas in der englischen Sprache nicht gibt. Deshalb glauben die New Yorker, dass wir ganz lange Wörter haben - und es stimmt ja auch. 

Aber selbstverständlich haben auch die New Yorker beim Sprachgebrauch ihre Eigenheiten. Ähnlich wie es im Wienerischen Unterschiede zwischen Margareten, Meidling und Döbling gibt, reden hier die Menschen in der Bronx und in Brooklyn anders als die im Norden New Jerseys oder gar auf Long Island. Es kommt auch darauf an, welchen ethnischen Hintergrund die Sprecher haben. Italienisch, Jiddisch, Puerto Ricanisches Spanisch oder Irish gehören zu den meist verbreitetsten. Ich kann den Unterschied zwischen diesen Gegenden nicht heraushören. Wer aber jemanden aus Long Island kennenlernt, wird dessen Sprachverwendung nicht so schnell vergessen. Aber hört selbst:

Und aus der Serie Shit people say gibt es auch ein amüsantes Beispiel für Brooklyner Originale. Die geschulten Ohren hören da wahrscheinlich die Nähe zur Long Islander Schnauze heraus. Denjenigen, die sich in diese Sprachmaterie vertiefen wollen, kann ich eine klare Empfehlung geben: Alle Folgen von The Sopranos ansehnen. Zum Abschluss meines kleinen Sprachexkurs habe ich noch ein paar Beispiele des englischen Idiotivs anzubieten: Can you do me a flavor? Exsqueez me. Spank you very much!